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Achmed ! Wie richtig ausgesprochen?

 

Achmed

 

 

Wie er eigentlich hieß, wußten wir nicht, oder richtiger:

wir konnten seinen Namen nicht aussprechen. Wir nannten ihn Achmed.

Er lachte dazu und zeigte seine wunderschönen weißen Zähne. Achmed stammte aus Turkmenien, aus der Gegend um Taschkent. Nur ungern hatte er sein heimatliches Dorf an der persischen Grenze verlassen, als er zur  RotenArmee einberufen wurde. Nach einer längeren Ausbildungszeit war er zum Bewachungspersonal, des Kriegsgefangenenlagers in der Nähe von Tschkalow kommandiert worden.

Achmed war Mohammedaner. Das kommunistische Sy­stem sowjetischer Prägung lehnte er ab, trotzdem sie zu Hause seit jeher ungefähr so lebten, wie der Kommunis­mus das im Idealfall erreichen will. Er wollte nichts da­von wissen, aus religiösen und nationalen Gründen. We­gen seines Glaubens wurde er von seinen russischen Kame­raden verhöhnt. Deshalb suchte er sich gelegentlich ein verstecktes Eckchen im Lager, um seinen kleinen Teppich zu entrollen. Es ging übrigens auch ohne diese Unterlage.

Leider hänselten ihn auch unsere Leute. Ich nahm ein­mal Gelegenheit, sie deswegen zurecht zu Weisen.

»Was hat er uns getan? War er nicht immer gut zu uns? Hat er jemals einen Gefangenen geschlagen? Hat er nicht oft seine gutmütigen braunen Augen zugedrückt, wenn die Arbeitspause verlängert oder irgend etwas ‚besorgt‘ wurde? Stört es uns, wenn er an einen anderen Gott glaubt als wir und anders zu ihm betet? Mir ist ein Mensch, der einen Glauben hat, hundertmal lieber als einer, der alles ablehnt.«

Achmed hatte irgendwie davon erfahren. Seither war er mein Freund. Nur die sprachliche Verständigung mit ihm war schwier­ig. Wir sprachen beide gleich schlecht russisch, er vielleicht etwas besser. Von seiner Muttersprache verstand ich kein Wort, konnte kaum eins nachsprechen, so sehr Achmed sich auch bemühte. Er sagte mir ganze Suren des Korans auf; es klang eigenartig fremd. Auch sang er gerne, für unsere Ohren etwas schrill. Er sang oft, wenn er auf seinem Türm­chen Wache stand, in die Weite der Kirgisensteppe. hinaus. Der Offizier vom Dienst verbot das zwar, aber Achmed vergaß es schnell, „ich habe ihn gar nicht verstanden“, meinte er und guckte mich mit schief gehaltenem Kopf an.

Schon mehr als zwei Jahre war ich in diesem Lager am Rande der Kirgisensteppe nahe der Stadt Tschkalow, die früher Orenburg hieß. Zweimal war es Winter geworden nach einem heißen Sommer, und wieder stand ein Winter vor der Tür.

Wie lange noch? Die Gedanken wanderten hinaus über die Weite der Steppe nach der fernen Heimat. Dort war Not, ich wußte es aus seltenen Kartengrüßen. Meine Frau gestorben, die Kinder verwaist, verstreut.

Achmed war es, der mich aus meinen Gedanken auf schreckte. Er war erregt, was nur selten geschah. »Doktor, du sollen zum Tor.“

Ich wurde öfters zu Krankenbesuchen aus dem Lager in die umliegenden Dörfer geholt, das war nichts Besonderes.

„Nein Doktor, keiner krank, mit Gepäck.“

»Mit Gepäck“, das hieß Versetzung, vielleicht gar Heimkehr. Die paar Habseligkeiten waren schnell im Rucksack verstaut. Der Natschalnik war sehr freundlich. Ob ich auch gut gekleidet sei, warme Überkleidung hätte. Den alten Militärmantel hielt er noch für ausreichend. Als einzigen Begleiter bekam ich Achmed mit, was mich trö­stete, hoffte ich doch, von ihm etwas zu erfahren. Viel wußte er selbst nicht, es ginge weit weg mit der Bahn, und er käme mit.

So nahm ich denn Abschied von der lange gewohnten Umgebung, von der Fabrik gegenüber dem Lager zuerst. Eine »Fabrik“ in unserem Sinne war es nicht, mehr ein großes eingezäuntes Stück Steppe mit hässlichen halbfer­tigen Gebäuden und Gerümpel von alten verrosteten Ma­sdiinen. An den Ecken Wachttürme, mit Frauen besetzt, die ein Gewehr hielten. In der Fabrik wurde ~Dl zu Paraf­fin, Vaseline und einem schwarzen Teerprodukt raffiniert, das die Russen „Sekurit“ nannten. Es kam flüssig aus der Fertigung, wurde in starken Papiersäcken schnell fest und dann in Güterzügen verschickt.

In der Ferne tauchte Tschkalow auf, eine Stadt von 180000 Einwohnern, aber eigentlich nur ein sehr großes Dorf mit einer einzigen befestigten Straße und weiten Plätzen. Dort gab es große Kornspeicher, in denen das Korn unsachgemäß lagerte und großenteils verdarb. Un­sere Leute mußten mit Brechstangen verkohltes Getreide herausbrechen, um Platz zu schaffen für die neue Ernte.

In Tschkalow gab es außerdem ein Flugzeugwerk, Ei­senbahnwerkstätten, Fabriken zur Panzerherstellung. Auch ein Krankenhaus, ein Theater und unser Hauptlager. Dorthin gingen Achmed und ich zuerst. Was wir dort sollten, wußte ich nicht, wir blieben auch nur ein paar Stunden~ Zu viert, außer uns beiden ein Sergeant und eine Dolmetscherin, marschierten wir zum Bahnhof. Auch die­sen kannte ich, hier war ich vor Jahren angekommen, hier waren die aus Deutschland kommenden Züge mit Beutegut entladen worden. In offenen Güterwagen waren Nähmaschinen aller Fabrikate angekommen, fabrikneu, aber verrostet, meist ohne Schiffchen. Landsleute hatten sie verladen. Fanden wir doch noch ein Schiffchen in einer Nähmaschine, verschwand dieses sofort. Während die Nähmaschinen in offenen Wagen dem Wetter ausgesetzt verladen waren, hatte man gute deutsche Ziegelsteine sorg­fältig in gedeckten Waggons untergebracht.

Auch die Maschinen einer großen Berliner Papierfabrik rollten eines Tages an. Mangels Verladerampen mußten sie von den Waggons heruntergekippt werden, wobei die empfindlichen Walzen leider fast alle zu Bruch gingen.

Ein Warenhaus war offenbar irgendwo geplündert wor­den, unter anderem kam Babywäsche aller Art in großen Mengen an und lag im Freien. Einen Hauptspaß hatten wir, als eines Tages unsere Krankenschwestern und weiblichen Feldschere sich mit Häubchen~ geschmückt hatten, die aus solchem Beutetrans­port stammten. Es waren Binden, die ganz anderen Zwec­ken dienen sollten als zur Kopfbedeckung.

Die Bahnuhr zeigte 16.00 Uhr Moskauer Zeit, da sich alle Züge im europäischen Rußland nach der Moskauer Zeit richteten. Nach Tschkalower Ortszeit war es schon 18.00 Uhr, in der fernen Heimat erst 14.00 Uhr nach­mittags.

Unsere kleine Gruppe stand zusammen mit einem hal­ben Hundert russischer Zivilisten, die sich um uns nicht kümmerten und alle auf den Zug warteten.

Er kam aus Taschkent und war schon fünf Tage unterwegs, wie Achmed mir sagte. Sein Ziel war Moskau. Soll­ten wir dahin? Und weshalb? Achmed wußte es nicht, und die beiden anderen konnte ich nicht fragen.

Prustend, von einer modernen Kondenslokomotive ge­zogen und heulend wie ein Ozeandampfer, kam der Zug an. Aus- und Einsteigen wie überall. Sergeant und Dol­metscherin stiegen in einen anderen Wagen als Achmed und ich, was mir nicht recht war. Ich habe sie bis zum Ende der Reise nicht mehr gesehen.

‘Wir stiegen in ein Abteil, das schon voll besetzt war. Achmed sah auf seinen Transportschein, sprach mit einem Bahnbeamten und schaffte mir Platz.

Die russische Spur ist breiter als die im übrigen Europa, also sind auch die Wagen breiter. Die -Rücklehnen der hölzernen Sitze konnten nachts hochgeklappt werden, die Gepäckhalter darüber waren auch aus Holz. So entstan­den drei Schlafpritschen übereinander, drei gegenüber und dazu noch drei im Seitengang, also neun Liegeplätze im Abteil. Ich erhielt einen Schlafplatz im obersten Stock. Ich schloß daraus, daß die Reise lange dauern würde, vielleicht bis Moskau?

Ein Teil der Strecke war mir von der Herreise bekannt. Es ging durch leicht welliges Steppengelände. Rechts und links der Bahn sah man überall wippende Ölpumpen.

Das ganze Gebiet zwischen Wolga und dem Ural ist ein riesiges Ölgebiet.

Es wurde dunkel, und ich sah mir die Mitreisenden an, die Achmed und mich schon lange gemustert hatten. Rus­sen in ihrer zerfransten Wattekleidung, Männer und Frauen jeden Alters. Sie sprachen laut in ihrer wohlklingenden Sprache. Ich verstand sie nur, wenn sie mich direkt an redeten und langsam sprachen. Es gibt auch in Rußland viele Dialekte, und der Russe erkennt schon an der Sprache den Mann aus dem Norden oder den aus dem Gebiet der unteren Wolga, er unterscheidet den Moskauer von dem Ukrainer, genau wie bei uns. Achmed gab kurze Auskunft. »Ein deutscher Arzt, kein SS-Mann« — »wir reisen.« — Jeder verzehrte noch, was er hatte. Meine »Marschver­pflegung“ bestand aus zwei Broten, einem großen Troc­kenfisch und einem Beutel mit Hirse. Achmed lieh mir sein Messer zum. Zerschneiden des Brotes, das ich sonst hatte brechen müssen. Als Trinkgefäß besaß ich eine alte Kon­servendose, Wasser gab es auf jedem Bahnhof, man musste nur aussteigen und dahingehen, wo „Kipjatok“ stand, d. h. »gekochtes« Wasser. Dort konnte man abgekochtes, noch warmes Wasser zapfen. Mit der Hirse konnte ich beim besten Willen nichts anfangen. Ich tauschte sie bei meinen Mitreisenden ein und erhielt von ihnen viel mehr als den Gegenwert. Die einfachen Russen sind sehr gut­mütig. Hat man einmal ihr Misstrauen, das ich ihnen nicht verübeln konnte, überwunden, dann teilen sie ihr Gerin­ges mit jedem Fremden.

Bahnangestellte Mädchen gingen durch die Wagen und bespritzten den Fußboden mit Wasser, danach fegten sie. Diese dringend nötige Reinigung geschah mehrmals am Tage.

Ich schlief auf meinem Liegeplatz recht gut, mein Bün­del unter dem Kopf. Die Luft war warm und stickig, aber das war ich gewohnt.

Am andern Tag näherten wir uns der Wolga. Das linke Ufer ist flach, das westliche bergig. Die eingleisige Bahn­strecke, durch automatische Signallampen gekennzeichnet, erhob sich auf einem sehr langen, sanft ansteigenden Damm, der schließlich in eine eiserne Brücke überging. Bei Kuibyschew, dem alten Samara, überquerten wir die Wolga, die hier schon sehr breit ist und zahlreiche Nebenarme bildet. Die Fahrrinne für die Schifffahrt liegt am westlichen Ufer, nahe den bergigen Höhenzügen. Ich sah Schleppzüge in beiden Richtungen und Signalanlagen für die Schifffahrt auf dem Ufer, meist auf halber Höhe. Rechts der Wolga fuhren wir noch lange am Ufer entlang, ich schätze etwa 35 km, dann ging es landeinwärts.

Der Zug fuhr ungleichmäßig, nicht sehr schnell, doch ohne Aufenthalt. Nur auf einigen Bahnhöfen hielten wir länger. Da stieg dann alles aus, holte „Kipjatok“ und vertrat sich die Beine. Bewohner der Umgegend boten Lebensmittel an, meist Backwaren und Obst, das im Herbst reichlich vorhanden war, auch gelegentlich Fleisch und Quark.

Achmed und ich wurden zunächst scheu betrachtet. »Wer ist das?“ fragte man meinen Begleiter. »Ein deutscher Doktor, kein SS-Bandit, ein guter Mensch, ich kenne ihn lange.“

Eine Station weiter stellte er mich als »großen Arzt“ vor, noch später nannte er mich — er wurde mehr gefragt, al~ er wusste — einen großen Chirurgen aus Deutschland, und vor Moskau erklärte er mich der staunenden Menge als berühmten deutschen Professor.

Es fiel für beide etwas dabei ab.

Da die Reise fünf Tage dauerte, wurden wir Reisenden miteinander recht bekannt. Ab Rjasan wurde die Spur zweigleisig, wir näherten uns Moskau. Achmed machte mich darauf aufmerksam. „Ich weiß, Achmed, das ist eine große Stadt und eine schöne Stadt.“

Er hatte Bedenken, »dort gibt es viele Patrouillen“. Die Russen bezeichnen das, was wir Wehrmachtsstreifen nannten, als »Patrouillen“. „Nun wenn schon, Achmed, was kümmert es uns.“ »Meine Uniform“,. meinte Achmed, „ist nicht gut.“ »Warum denn nicht, ich finde sie sehr hübsch und sauber.“ Er trug den Mannschaftskittel, Stiefel- hosen und Stiefel aus Kuns:r~a~. Alles neu, offenbar e1~:~ verpaßt.

‚Aber mein Koppel.~ E war ein breites Lederkoppel~ mit einem großen blanken Schloß, geziert durch ein gewaltigen Sowjetstern.

‚Dein Koppel ist doch gut ‚Das schon“, meinte Adimed, ‚aber leider ein Offiziers­koppel.« Als einfacher Soldat durfte er das nicht tragen. Ihm gebührte ein Riemen, wie die Mannschaften ihn tragen.

‚Du hast so einen Riemen“. sagte er unvermittelt. Tat­sächlich, er mußte es beobachtet haben. Ich hatte, wer wem woher nur, diesen Riemen beschafte und trug ihn. „Gib mir deinen Riemen.“

‚Geht nicht, Achmed, dann verliere ich die Büx.« »Du bekommst inzwischen mein Koppel.“ Dagegen war nichts zu sagen, und ich war ihm ge~I gefällig. Läuse hatten wir beide, also machte es nichts a~. An seinem Koppel hing eine große Pistole. Ich bin über­zeugt, sie war nicht geladen, aber sie gehört nun einmal zum Soldaten wie die Flinte zum Jäger.

Achmed versuchte, die Pistole an meinem Riemen befestigen, während ich meine Hose festhielt. Es hielt ihm trotz mancher Bemühung nicht. Schließlich befestigte er sie wieder an seinem Offizierskoppel und gab mir ~ -des, Koppel und Pistole, und sagte: „Schnall unter.“

Und so sind wir beide später durch die Straßen Moskau spaziert, Achmed mit vorschriftsmäßjgem Rienen, aber unbewaffnet, und ich mit einem russischen Offiz-Leder­koppel und dem gewaltigen Schießeisen „untergeschnoben

‚Patrouillen“ sind uns nicht begegnet.

Die Nähe von Moskau machte sich immer mehr bemerkbar. Schon lange vorher fuhren wir durch ein etwa märkischen Kiefernwäldern ähnlich sieh,  wie vor Berlin. In diesen lichten Föhrenwald fanden  zahlreiche kleine Holzhäuser. sowohl die ~Datschen wie auch die Häuser in Moskau dauernd bewohnt, ist doch Moskau eine Stadt von an­nähernd 6 oder 7 Millionen Einwohnern.

Vor Moskau begann der Vorortverkehr, ich beobachtete die Gleise neben unserem Zug und die zahlreichen Bahn­höfe, ähnlich wie sie auch in westlichen Großstädten zu finden sind. Nur, daß hier die Bahnsteige aus großen hölzernen Bohlen bestanden und die Warte- und sonstigen kleinen Häuschen darauf aus Holz gebaut waren. Die Vorortbahn war elektrifiziert, der Verkehr darauf recht lebhaft, hin und her. Wir fuhren sehr lange an dieser Vorortbahnstrecke entlang und sahen immer wieder die kleinen Häuschen in den Kiefer bestandenen Gärten. Von der eigentlichen Stadt Moskau war wenig zu merken, nur daß die Bäume aufhörten und immer mehr Häuser sich enger zusammendrängten. Die Straßen, die man vom Zug aus sehen konnte, waren von ein-, höchstens zweistöckigen zerfallenen Häusern eingerahmt, die Fensterscheiben oft­mals durch Papp- oder Sperrholzplatten ersetzt, Dach­rinnen abgerissen, der Putz heruntergefallen. Die ganze Stadt machte einen verwahrlosten und ungepflegten Ein­druck, was sicherlich zum Teil auf den Krieg zurückzu­führen war.

Wir kamen am Rjasanabahnhof an und gingen durch die Straßen bis zum Leningrader Bahnhof. Die Straßen waren asphaltiert, Bürgersteige, die Häuser etwa so wie in einem Berliner Vorort, Reihenhäuser, nichts Besonderes, wenig Autoverkehr auf den Straßen. Es war 1947, und die wenigen Fußgänger, die uns auf den Straßen begeg­neten, beachteten uns nicht weiter, sie hasteten wie alle Großstädter an Fremden vorbei.

Wir gingen ruhigen Schrittes, immer vorsichtig lugend, ob nicht irgendwo in der Ferne eine Patrouille auftauchte, aber wir kamen ungefährdet zum Leningrader Bahnhof.

Dort betraten wir einen großen Wartesaal, den für „Wehrmachtsangehörige“. Hier saßen  zahlreiche russische Offiziere und Soldaten mit und ohne Anhang an langen Tischen. Im Raum befanden sich auch zwei kleine Buden, wo Soldaten das kaufen konnten, was sie gerne mochten: Ab­zeichen, Orden, kleine Andenken an Moskau, Fähnchen und dergleichen Nippsachen. Achmed und ich setzten uns auf eine Bank an der Wand, möglichst ein bißchen ge­schützt hinter einen Tisch und verzehrten die Reste unserer

Verpflegung. Wir mußte ziemlich lange warten.

Hin und wieder ging einer von uns nach draußen, der andere achtete dann auf unsere Habseligkeiten. Achmed war sehr besorgt, daß ihm oder mir irgend etwas abhanden kommen könne.

Es war mir dann doch jedes Mal ein bisschen komisch, wenn ich ohne Gepäck und ohne Begleitung aus dem Bahnhofsgelände heraustrat, um die Aborte aufzusuchen. Dazu mußte man über die Straße gehen und über einen großen Platz. Zahlreiche Schilder wiesen darauf hin. Wenn mir hier nun eine Streife begegnet wäre, würde man mir die Geschichte mit der Pistole glauben, die ich noch immer bei mir trug? Aber es ist mir glücklicherweise niemand begegnet.

In den Aborten herrschte ein ganz unglaublicher und unbeschreiblicher Schmutz wie auf fast allen russischen Bahnhöfen.

Im Wartesaal lemte ich einen russischen Major kennen, der mit Frau und seinem niedlichen fünfjährigen Töchter­chen dort auch auf einen Zug wartete. Wir sprachen einige freundliche Worte miteinander. Er war, wie viele Offiziere der Roten Armee, durchaus kameradschaftlich und mensch­lich anständig, er sah in mir ohne jede Überheblichkeit nicht nur den Kriegsgefangenen

In den Warteraum kamen auch Kinder und bettelten die Wartenden an um Brot und sonstige Lebensmittel. Der Major sagte mir, das tun sie nur aus Langeweile und aus Unnutz, denn es wird für alle so gesorgt, daß sie das eigentlich nicht nötig haben. Die Kinder machten aber einen sehr abgerissenen, blassen und verhungerten Ein­druck, so daß ich im stillen hinter diese Worte des Majors doch ein Fragezeichen setzen mußte. Einmal tauchte tatsächlich eine Streife auf. Es sind im­mer zwei Mann, die »Patrouille« gehen, in schwarzer Uniform, so ein bisschen nach Art der Kosaken, wie wir sie uns vorstellen, mit weißen Fangschnüren und weißer Paspelierung und einem gewaltigen krummen Säbel. Sie prüften mal hier und mal da, gingen durch die Reihen der Tische. Sämtliche bettelnden Kinder waren im Nu verschwunden. Die Streife verließ den Warteraum wieder, ohne daß sie mich und Achmed eines besonderen Blickes gewürdigt hätten. Spätabends stiegen wir wieder in einen Zug und fuhren die Nacht hindurch in Richtung Leningrad.

Die Bahnlinie zwischen Moskau und Leningrad ist schnurgerade, und ich habe nicht viel von draußen ge— sehen, weil es Nacht war. Am nächsten Morgen, fiachdem wir etwa zwei Drittel der Strecke hinter uns gebracht hatten, stiegen wir an einem kleinen Bahnhof aus und fuhren mit einer Stichbahn bis nach Nowgorod.

In Nowgorod spazierten wir wieder alle vier gemein­sam, der Sergeant, die Dolmetscherin, Achmed und ich,

zum NKWD-Gebäude.

Jetzt wurde es spannend, nun mußte sich ja bald her­ausstellen, was wir eigentlich sollten. Ich wurde in einen Raum geführt und siehe da, ich traf viele Bekannte. Hier waren Offiziere und Mannschaften einer früheren Einheit, der ich einmal kurze Zeit angehört hatte, versammelt. Auch sie waren in kleinen Transporten alleine oder zu mehreren aus allen Gegenden Rußlands hierher gebracht worden. Wir waren uns darüber im klaren, daß man irgend etwas gegen unsere Truppe vorhatte und aus diesem Grunde sammelte.

Wir wurden aufgerufen und in zwei Häufchen geteilt, einen kleineren und einen größeren. Der kleinere Trupp ging vorweg, der größere, zu dem ich gehörte, mit einigen Schritten Abstand hinterher.

Ich hatte mich von Achmed verabschieden müssen, lei­der etwas schnell. Weder er noch ich konnten ahnen, dass unsere Reise hier so plötzlich und so schnell zu Ende w~ire. Er drückte mir noch einmal herzlich die Hand, sah mich an, sprach etwas in seiner Muttersprache, ich antwor­tete ihm auf deutsch. Wir verstanden die Worte nicht, den Sinn aber verstanden wir beide. Wir wünschten uns gegenseitig alles Gute und daß jeder recht bald in seine so ferne Heimat zurückkehren möge.

 

 

 

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch meines Vaters, Friedrich Marsch“ Erlebnisse eines Arztes in Sowjetrussland“

 

 

Viel Spass beim Lesen

 

Fritz

 

 

 

 

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