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Alexandrowa, 1943

 

 

Alexandrowa, 1943

Südwestlich des Ilmensee

 

 

Die Sonne stand noch nicht hoch über dem Horizont, als Oberleutnant M. und ich und seine 28 Reiter zu Pferde stiegen und in den frischen Morgen hinaustrabten. Auf dem nahe am Gute gelegenen Roggenschlag waren unsere Männer mit den neu aus Deutschland herangeschafften Mähmaschinen bei der Arbeit. Die Flügel der Ableger fuhren klappernd in das Korn und warfen Garbe um Gar­be zur Seite, wo sie von Frauen gebunden wurden. Wir trabten einen Weidenweg entlang und weiter über Feldwege und Roggenfelder. Überall dasselbe hochsommer­liche Bild: die Ernte ist in vollem Gange. Die Russen, die keine Maschinen haben — und das ist die Regel — mähen ihr Korn mit der Sichel, nicht mit der Sense. Frauen und Mädchen stehen in bunten Kleidern und Kopftüchern gebückt im Kornfeld, schneiden den Roggen und binden ihn in saubere Garben. Männer beteiligten sich nicht an dieser Arbeit. Die Garben stellen sie zu hübschen Puppen zusammen, wobei zuletzt eine Garbe mit den Ähren nach unten oben drüber gestülpt wird, damit das Regenwasser abfließen kann.

 

An anderen Stellen sind die Bauern schon beim Ein­fahren, diesmal die Männer. Vor kleinen zweirädrigen Karren zotteln Paniepferdchen und schleppen Fuder nach Fuder zum Dorf, wo das Korn in runden Mieten aufge­setzt wird. Die Dörfer, ein Haufen von Holzblockhäusern mit Schindel- oder Strohdach passen sich der Landschaft gut an, liegen an kleinen Hängen im Tal oder auch auf einer Höhe unter großen Weidenbäumen. In den Gärten, die mit Holzgatterzäunen eingefasst sind, wuchert alles, was die Familie braucht. Blasse Kindergesichter werden hinter schmutzigen, kleinen Fenstern sichtbar oder be­staunen, kaum bekleidet, uns draußen vor der Haustür. Über die Felder kommt ein Trupp Reiter auf uns zu, wir treffen ihn abgesessen etwas später im Dorf. Es sind Kosaken, die die Einbringung der Ernte in diesem Gebiet überwachen sollen. Sie kamen im Galopp ins Dorf, die Pferde mit weit vorgestreckten Köpfen. Mit hochgezoge­nen Knien sitzen die Männer auf ihren Berberhengsten, das Gewehr schräg über dem Rücken.

 

Nun kamen wir in die Gegend, die nach Banden durch­streift werden sollte. Der Auftrag für den Beritt lautete:

Streifenritt durch das bandengefährdete Gebiet und Be­obachtung, ob überall die Erntearbeiten ungestört durch­geführt werden. Ich war mit geritten, um ein abseits ge­legenes russisches Krankenhaus zu besuchen. Der Ober­leutnant trennte einzelne Beritts ab und wies ihnen bestimmte Wege und Gebiete zum Durchstreifen an. Wir andern ritten weiter hügelauf und -ab, durch hübsche Wäldchen hindurch und wieder durch Dörfer und über Felder. Überall dasselbe schöne Bild des Sommers, dazu prächtigster Sonnenschein und ein frischer Wind.

Wir näherten uns unserem Ziel, das von weitem wie ein großer, bewaldeter Hügel aussah. Näher gekommen sah man, daß dies mal ein Park und zwar ein sehr schöner gewesen war. In der Mitte ein kleines Tal mit Teich, drum herum hohe Bäume, unter anderem auch riesige alte Lärchen. Auf der Höhe, durch Bäume zunächst ver­deckt, steht das Krankenhaus, ein weißer zweistöckiger Bau mit rotem Blechdach. Ein paar Nebengebäude davor, an dem einem ein Schild, dessen Schrift ich als Ambulan­zia Alexandrowa entziffere.

Ein Dutzend Menschen, meist Frauen und Kinder, aber auch ein paar ältere Männer lagern im Gras oder hocken auf einer Steinstufe. Paniepferde mit Wagen sind an den Zaun gebunden.

Der Oberleutnant und ich geben unsere Pferde einem Burschen und gehen zum Krankenhaus, aus dem uns die leitende Ärztin entgegenkommt und uns herzlich begrüßt. Sie mag Mitte fünfzig sein, trägt einen langen Ärztekittel und ein weißes, mit Stickerei verziertes Kopftuch. Sie führt uns in die Apotheke, wo wir ablegen. Wir erfahren, daß dieses Krankenhaus schon zur Zarenzeit vom Fürsten Stroganoff zum Andenken an seine Frau gebaut und Bevölkerung zur Verfügung gestellt wurde. Die Ärztin ist seit über zwanzig Jahren hier tätig. Sie ist Augenärztin und so sind auch ihre aus einem weiten Getto zusammengeströmten Kranken überwiegend Augenpatienten. Sie führt uns durch die freundlich hellen Räumen Man darf nicht deutsche Maßstäbe anlegen. Seit zig Jahren gibt es keine Wäsche mehr, nur wenig Seife, keine Decken. Dabei ist das Haus überbelegt, z. T. i Flüchtlingen, den aus dem Frontgebiet Evakuierten. Haus zu kommt gelegentlich Bedrängung und Plündern durch Banditen, die Lebensmittel erpressen.

 

Ärztlich interessant sind die schweren, in Deutsch ja fast unbekannten Leiden, vor allem die Ägyptische Augenkrankheit“, Trachom, die hier an zahlreichen Patienten in jedem Stadium zu beobachten ist. Dazu Fleckfieber und andere innere Krankheiten, die wir auch kennen.

 

Im Keller befindet sich die Küche mit großen kupfern Kesseln (noch vom Zaren) und die Bäckerei, in der gerade frisches Brot aus dem Ofen kommt. Die Mädchen sind Remonten, sagt die Ärztin. Sie meint damit „Anfänger in der Backkunst.“

 

Auch eine geburtshilfliche Abteilung, Bad und Entlausungsanlage sind vorhanden. Von den Fenstern hat man einen weiten Ausblick in das sommerliche Land.

 

In der Ambulanz ist eine Zahnstation eingerichtet. Hie arbeitet eine Tochter der Ärztin, eine Medizinstudenten die von uns als Zahntechnikerin ausgebildet wurde. Ein zweite Tochter treffen wir im Garten. Beide sprechen fas reines Deutsch und zeigen uns voll Stolz den großen Garten mit allem, was drin wächst. 25 ha Land hat die deutsche Verwaltung dem Krankenhaus zugewiesen, einige richtige eigene Landwirtschaft, die einen guten Teil des Bedarfs deckt. Es könnten mehr Schweine und Kühe gehalten werden, aber es geht nicht so schnell aufwärts, das braucht Zeit. Immerhin ist die Lage zufrieden stellend es werden alle Kranken satt. Was die Frauen am meisten ängstigt sind die gelegent­lichen, wenn auch seltenen Überfälle durch Banditen. Sie haben sich schon alle drei, Mutter mit Töchtern auf die Frauenstation geflüchtet, wohin die Räuber nicht folgten. Jetzt liegt eine deutsche Truppe zum Schutz im Ort. (Und es gab vor kurzem sogar ein kleines Gefecht.)

 

Aber heute ist heller Tag und schönster Sommer und die Russen sind nicht gern lange traurig, sie leben dem Augenblick. Die Mädchen bieten uns auf einem großen Rhabarberblatt Stachelbeeren an, von denen wir kosten. Dann gchen wir, von der Ärztin eingeladen, ins Haus, wo sie ein kleines Frühstück bereitet hat. Ein Spiegelei und nachher eine Wabe Bienenhonig. Wir unterhielten uns frei und fröhlich über eine Hochzeit, die kürzlich auf dem Gut bei uns gefeiert wurde. Sie wußten das schon mit allen Einzelheiten. Die Russen waren abends „be­soffen“ — „oder wie sagt man im Deutschen?“ Nur die Deutschen waren  „stur“ und gingen früh weg. Es wird aber erzählt, sie hätten im Pferdepark hinter verschlos­senen Türen alleine noch lange gefeiert. Die Mädchen, die uns Eier und Brot anbieten, sprechen ihr Deutsch mit Soldatenausdrücken, was oft komisch wirkt, weil nicht alle Worte für Mädchenmund geeignet sind. Die Ärztin hat noch allerlei Wünsche für ihr Krankenhaus, die ich mir notiere und versuchen werde, zu erfüllen.

 

Dann steigen wir wieder zu Pferde, Drasduitje und Aufwiedersehen und in schnellem Trabe geht es heim­wärts. Wir sind wieder alle 30 zusammen, es ist nichts vorgefallen. Über ein Stoppelfeld setzen wir zum Galopp an bis zum nächsten Dorf, wo wir von allen Kläffern begrüßt werden. Es ist ein heißer Mittag geworden. Mit dem Lied von den „Blauen Dragonern“ reiten wir wieder j~ den Gutshof ein und sitzen ab. Was ist dieser Teil Rußlands doch für ein schönes, weites Land und wie könnte es aufblühen mit seinen harmlosen und friedli­chen Bewohnern!

 

 

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch meines Vaters, Friedrich Marsch“ „ Die Hexe im Federbett“

 

 

Viel Spass beim Lesen

 

Fritz

 

 

 

 

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