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Als Arzt in russischer Gefangenschaft Teil 1

 

Als Arzt in russischer Gefangenschaft

 

 

Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges kamen Millio­nen Deutscher in russische Gefangenschaft. überwiegend waren es Soldaten der deutschen Wehrmacht, aber auch große Teile der Bevölkerung der von den russischen Trup­pen besetzten deutschen Ost gebiete.~

 

Sie alle wurden in großen Lagern zusammengefasst, die oft improvisiert darin ist der Russe Meister errich­tet worden waren.

 

Sofort begann die Suche nach so genannten Kriegsver­brechern. Ziel dieser Aktion war nicht die Feststellung wirklich Schuldiger an Vergehen und Verbrechen aller Art, sondern der Schein eines Rechts, Arbeitsfähige für viele Jahre zur „Abbüßung von angeblichen Verbrechen festhalten zu können.

 

Außerdem wurde der Versuch intensiver politischer Propaganda gemacht.

 

Die dazu angewandten Methoden schildern nach folgen­de Erlebnisse. Sie wurden sofort nach der Heimkehr 1950 niedergeschrieben und damals veröffentlicht. Diese Auf­zeichnungen werden hier unverändert und nur unwesent­lich verkürzt wiedergegeben.

 

Es war im März 1949. Auch wir deutschen Gefangenen im Lager Borowitschi fühlten, daß der Frühling sich an­kündigte. Mittags taute es gelegentlich in der Sonne, und wir konnten unsere Unterkünfte verlassen, die tief in die Erde eingegraben waren und deren flache Dächer jetzt aus den Schneemassen heraus erkennbar wurden. So stan­den wir gelegentlich in der Mittagssonne an die frei ge­tauten Schindeldächer gelehnt und genossen die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Wir hatten alle schon Jahre russischer Gefangenschaft hinter uns, manches erlebt, viele Enttäuschungen erfah­ren, aber trotz allem immer wieder auf baldige Entlassung in die so ferne Heimat gehofft. Das waren nicht einfach „Gerüchte“, wie sie immer wieder von Zeit zu Zeit auf­tauchten und von Mund zu Mund, von Baracke zu Baracke, von Lager zu Lager sich ausbreiteten. 0 nein, beim täg­lichen Appell mit seiner umständlichen und oft wieder­holten Zählung •hatte es uns der Politoffizier mitgeteilt:

Am letzten Tage des Jahres 1948 ist auch der letzte deutsche Kriegsgefangene zu Hause.

Diese nicht erfüllte Versprechung, diese Enttäuschung lag nun auch wieder Monate zurück, kalte, dunkle Win­termonate in stickigen, feuchten Erdbunkern, in denen Heimatgerüchte keinen Nährboden mehr fanden bei den Kriegsgefangenen in ihren zerlumpten deutschen und rus­sischen Uniformen, auch dann nicht, wenn sie abends auf ihren verwanzten Pritschen lagen und Gespräche hin und her flatterten.

Wir früheren Offiziere der Kurlandarmee hatten vor dem Kriege die verschiedensten Berufe ausgeübt. Auch eine Anzahl Ärzte befand sich unter uns, beruflich untä­tig wie wir alle, ohne die so notwendige fachliche Weiter­bildung. Einige von uns waren weit herumgekommen in der Sowjetunion, hatten viel erlebt und vieles gesehen.

Ich selbst geriet als Chef des Feldlazaretts 32 in Kurland nach der Kapitulation in Gefangenschaft. Nach Durchgang durch mehrere Lager kam ich nach Tschkalow (Orenburg) am Fluß Ural in der Kirgisensteppe. Dort war ich Lagerarzt und wurde 1946 zum ersten Mal verhört. Fragen zur Person, die jedem Kriegsgefangenen gestellt wurden, waren schon früher vorausgegangen. Diese Ver­nehmung verlief harmlos. Ich wurde nach einem General R. gefragt, der Feldkommandant gewesen war und dem Kommandanten des rückwärtigen Armeegebietes der 16. Armee unterstanden hatte. Dort hatte ich längere Zeit den leitenden Sanitätsoffizier vertreten. Irgend jemand mußte das angegeben haben. Was dieser General für Verbrechen begangen habe und welches meine Stellung zu ihm gewe­sen sei, wurde ich gefragt. Ich antwortete, daß ich ihn kenne, er wegen eines Ohrenleidens in meiner Behand­Jung war, ich ihm aber weder dienstlich unterstellt noch sein Vorgesetzter war, was die Russen vermuteten. Le­diglich seine Sanitätsoffiziere wären mir fachlich unter­stellt gewesen. Damit gaben sie sich zunächst zufrieden, und ich hörte lange nichts mehr. Ich wurde zwar mehr­fach in den Karzer gesperrt, ein ummauertes und vergit­tertes Erdloch, weil ich auf Befragen, weshalb so viele Kriegsgefangene an Wassersucht litten und starben, offen sagte, dies sei eine Folge der Unterernährung und nachwies, daß russische Offiziere die Verpflegung, die für uns bestimmt war, unterschlagen, verschoben und für sich verbraucht hätten. Ich wurde deswegen. auch in Gegen­wart eines deutschen Zeugen misshandelt und mit den Worten Bandit, Faschist u. ä. beschimpft, aber all das hatte mit den Vernehmungen und Prozessen, die folgten, nichts zu tun.

 

Ende September 1947 wurde ich plötzlich im Einzeltransport von Tschkalow über Moskau nach Nowgorod gebracht.

 

Am 20. Dezember wurde im Kreml von Nowgorod ein großer Schauprozeß aufgezogen, zu dem mehrere hundert Zuschauer aus Moskau herangebracht wurden, darunter der Patriarch von Moskau.

 

Angeklagt waren 19 deutsche Offiziere und Soldaten. Dem kommandierenden General des 38. Korps wurde vor­geworfen, er habe das Denkmal „Das tausendjährige Ruß­land“ dem Bürgermeister von Insterburg zum Geschenk gemacht. In Wirklichkeit hat er es auseinander nehmen und verkleiden lassen, um es vor Beschuß zu schützen. Ich selbst habe es 1947 im Nowgoroder Kreml völlig un­versehrt stehen sehen. Auch habe der General die goldene Kuppel der historischen Sophienkathedrale in Nowgorod abnehmen und daraus Aschenbecher und ähnliche Gegen­stände für die Offiziere seines Stabes herstellen lassen. Kirchenschändung! Daher die Anwesenheit des Patriar­chen der griechisch-orthodoxen Kirche. Außer anderen Offizieren wurden viele Dolmetscher angeklagt. Sie wur­den verdächtigt, bewußt falsch übersetzt zu haben. In diesem Falle schlossen die Russen von sich auf andere, wie ich später noch erfahren sollte. Ihre Dolmetscher ha­ben regelmäßig versucht, sinnverdrehend zu übersetzen, im Protokoll absichtlich das Gegenteil von dem geschrie­ben, was der Beschuldigte ausgesagt hatte, Selbstbezich­tigungen hineingesetzt, die nie gemacht worden waren.

 

Dieser Prozeß war öffentlich, zahlreiche zivile Zeugen waren aufgeboten worden, die man der Einfachheit halber ins Gefängnis gesperrt hatte und die ihre eingelernte Aus­sage gut und sicher herleiern konnten. Etwa folgende Fra­ge: Kennen Sie den Angeklagten? — Ja, das ist Hauptmann so und so, folgt Vorname und Vaters Vornarne. Der Einwand des deutschen Offiziers, daß auch von seinen nächsten Bekannten im Kriege nur wenige seinen Vor­namen, keiner den seines Vaters kannte, die Aussage des Zeugen, den er überhaupt nicht kenne, eingelernt sein müsse, wurde mit Beschimpfung zurückgewiesen.

 

Der Prozeß endete mit der Verurteilung der 19 Ange­klagten zu 25 Jahren Zwangsarbeit, der Höchststrafe, seit­dem die Todesstrafe abgeschafft worden ist. Ich wurde, wie die meisten von uns, nicht als Zeuge vorgeladen, da ich in der Voruntersuchung der Wahrheit gemäß nur entlastend aussagen konnte und wollte. Entlastungszeu­gen wurden nicht gehört. Es gab nur zwei deutsche Be­lastungszeugen, die durch erdachte, blutig ausgeschmück­te Aussagen für sich eine frühere Heimkehr zu erreichen hofften. Ich wurde in Nowgorod nicht wieder ärztlich ein­gesetzt. Es waren dort nur zwei deutsche Ärzte in Am­bulanz und Lazarett tätig, die anderen Ärzte arbeiteten als Maurer, Erdarbeiter usw. Als Stabsoffizier brauchte ich nicht zu arbeiten.

 

Vernehmungen und Verurteilungen gingen weiter, die Verfahren wurden nur nicht mehr als Schauprozesse aufgezogen, sondern gingen in der Stille vor sich. Der eine oder andere von uns verschwand im Gefängnis, Zeu­gen wurden verhört, die Angeklagten verurteilt. Nicht immer erfuhren wir die Höhe des Strafmaßes, sie betrug aber stets zwischen 10 und 25 Jahren Arbeitslager. Im Juni 1948 wurden die nicht benötigten Zeugen von Now­gorod nach Borowitsehl gebracht, wohin auch ich in ein Lager kam, in dem sich mehrere hundert Stabsoffiziere

befanden. Sie brauchten damals nicht mehr zu arbeiten, wurden aber zu „Lager erhaltenden Arbeiten“ herange­zogen, ein Begriff, der sehr weit gezogen wurde. Zu Pro­zessen wurden immer nur einzelne in größeren Abständen herausgeholt, oder, was noch unheimlicher war, der eine oder andere wurde „mit Gepäck“ ans Tor gerufen und verschwand. Sonst ließ man uns zufrieden, außer, daß regelmäßig der Versuch gemacht wurde, uns zum Marxis­mus zu bekehren. Dazu sehr schlechte Unterbringung in Erdbunkern, mäßige Verpflegung aus Holzeimern, Fehlen aller hygienischen Einrichtungen, schikanöse Behandlung durch Offiziere beim täglichen Durchgang. So verging der Jahreswechsel 1948/49, ein Termin, auf den viele gehofft hatten. Noch Anfang November 1948 war uns schriftlich und mündlich versichert worden, daß „die SU, die noch nie einen Vertrag gebrochen habe, auch den Heimkehrer-termin einhalten werde“. Nach dem 1. Januar wurde frech bestritten, daß den Kriegsgefangener‘ jemals die Heimkehr bis Ende 1948 versprochen worden sei. Jetzt im Winter widerspreche es außerdem den Geboten der Menschlichkeit, Kriegsgefangene zu transportieren, es sei zu kalt. Dafür trafen gleichzeitig bei uns Transporte mit Kriegsgefangenen aus den Lagern Lettlands, aus Minsk und Pleskau ein. Das Gebot der Menschlichkeit bezog sich nur auf Transport vom Osten zur Heimat, nicht um­gekehrt.

 

Anfang April hieß es plötzlich: „Marsch, Friedrich Ferdinand mit Gepäck ans Tor.“ Die Kameraden halfen uns — wir waren neun Mann. In aller Eile steckten ~ie uns noch ein paar Rubel zu, die uns später gut zustatten kamen. Wir wurden unter starker Bewachung in einem offenen Lastauto zum Bahnhof gebracht. Auf einem Ne­bengeleise stand ein großer grüner Eisenbahnwagen mit vergitterten Fenstern, ein Waggon neuester Bauart mit vier Achsen. Er hatte einen langen Gang und an Stelle der Abteile Zellen. Jede Zelle war für drei Mann vorge­sehen, wir kamen zu fünft hinein. Sie enthielt drei Pritschen übereinander, ähnlich wie in russischen Personenwagen. Auf die oberste legten wir unsere Ricksäcke, die mittel­ste wurde abwechselnd von einem von uns liegend be­nutzen. auf die untere setzten wir uns. Es war sehr eng, man konnte die Beine iiicht ausstrecken, die Posten ver­boten uns, sich gegenseitig anzulehnen, ebenfalls durfte der Liegende nur mit dem Kopf zum Gang hin liegen. Ein Fenster von der Größe eines Zigarrenkistendeckels, von innen und außen vergittert und mit Olfarbe getrübt, be­fand sich oben an der Außenwand. Zum Gang hin war die Zelle durch eine Eisengittertür verschlossen, vor die noch eine Tür aus Eisenblech geklappt werden konnte. Es war dunkel, die Luft zum Ersticken.

 

Wir hörten Lärm in den Nachbarzellen, es wurde rus­sisch gesprochen, geschimpft und mit viel Schlüsseln han­tiert, außerdem klapperten die Gittertüren ständig auf und zu, es war ein Gerassel, wie es im Theater bei Ker­kerszenen nicht besser dargestellt werden kann.

 

In der Nacht wurden wir einzeln mit Gepäck herausgeholt, in einem besonderen Abteil bei Kerzenlicht genau durchsucht und uns alles abgenommen, was aus Metall bestand und wertvoll erschien: Rasierapparat, Tischmes­ser, Nagelschere, Gabel, Metallbüchsen, Löffel, wenn sie blank und silbrig waren, sogar Zahnpulver (man kann es einem Posten in die Augen blasen, wurde mir später er­klärt), außerdem Geld, Uhr, Trauring, Füllhalter, Dreh­bleistift, Zigarettenetui, kurz alles, was ein russisches Herz begehrt und doch nie bekommen hat. Diese Filzung ging die ganze Nacht hindurch. Ich war der einzige von uns, der ein wenig russisch verstand und hatte aus den Reden der Posten, die je vor zwei Zellen auf dem Gang standen, gehört, daß wir nach Leningrad führen und nach­mittags dort eintreffen sollten. Gegen Morgen baten wir um Wasser zum Trinken. Wir hatten als Marschverpfle­gung je einen halben Salzhering und Trockenbrot mitbe­kommen. Das macht Durst, auch mußten wir mal aus­treten. Die Posten antworteten höhnisch, das sei nicht nötig, wir sollten unsere Taschen dazu benutzen, Trink­wasser gäbe es auch nicht. Schließlich wurden wir doch zum Abort geführt, wobei wir durch den ganzen Gang gehen mußten, vorbei an all den Zellen, hinter deren Gitter uns die blassen Gesichter russischer Strafgefange­ner, kahl geschoren und hohlwangig, aussahen. Darunter  waren auch Frauen und Mädchen, ebenfalls geschoren. Als uns auf wiederholte Bitten immer wieder Trinkwasser verweigert wurde, erinnerte ich mich, daß wir in Rußland seien, nahm ein Kochgeschirr und eine Schachtel Ziga­retten, zeigte sie durch das Gitter einem russischen Po­sten und sagte ihm, er möchte auf der nächsten Station Trinkwasser besorgen. Das geschah prompt, durch ein kleines eisernes Klapploch in der Gittertür erhielten wir köstliches, klares Wasser.

weiter Teil 2

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