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Als Arzt in russischer Gefangenschaft Teil 3

Teil 3

 

Ein anderer war Oberleutnant L., Ingenieur aus Dessau. Er hatte eine Kompanie im Kampf gegen Partisanen ge­führt. Bekämpfung VOn Partisanen ist nach sowjetischer Ansicht immer strafbar, denn das sind alles Helden. Auch er wurde später verurteilt.

 

Feldwebel Z. R. sollte in Polen gegen Partisanen ge­kämpft haben. Hauptmann L., im Zivilberuf Rektor an einer Volksschule Westfalens, Ende fünfzig und grauhaa­rig, war Feldgendarm und leitete die Personalabteilung auf einer Schreibstube. 25 Jahre.

 

Damals wußten wir das alles noch nicht, jeder hoffte aus diesem Loch wieder herauszukommen. Das Essen wurde aus einem Kriegsgefangenenlager in Riga gebracht. Es gab also doch noch solche Lager in Lettland. Die volle Verpflegung war es zwar nicht, weil russische Posten sie austeilten. Es gab Suppe in rostigen und schmutzigen Blechdosen ohne Löffel. Laut Vorschrift sollte zum Essen je Zelle ein Löffel ausgegeben werden. Das geschah aber nicht. Auch mußte sehr schnell gegessen werden, denn die Dosen wurden wieder eingesammelt. Die Suppe mußten wir trinken, Kartoffel und Brei mit den Fingern in den Mund schmieren, Waschen konnten wir uns nicht. Mor­gens wurden wir herausgeführt über den Gang in einen dunklen früheren Abort mit zerbrochenem Klosett, in das wir gelegentlich — nicht jeden Tag — unseren Kübel ausgießen durften. Dort lief auch an einem Pissoir ein wenig Wasser die Wand herunter. Dies durfte zum Waschen benutzt werden. Wir benetzten ein wenig Hände und Ge­sicht, mehr war nicht möglich.

 

Wir durften in der Zelle rauchen, taten es aber nicht wegen der Luft, die sowieso zum Ersticken war. Um 22 Uhr mußte alles schlafen, auf Pritsche oder Fußboden, um 6 Uhr morgens aufstehen. Über Tag durfte keiner liegen, tat er es doch und wurde durch einen Blick durch das Guckloch erwischt, mußte er den russischen Abort rei­nigen.

 

Mit den Nachbarzellen konnten wir nur schwer Ver­bindung aufnehmen, die Wände waren schalldicht, Rohre gingen nicht hindurch. Zum Waschen wurden wir einzeln geführt.. Und doch gelang es uns, zu erfahren, wer in den anderen Zellen saß. Wir erkannten die Stimmen auf dem Flur, wo absichtlich laut gesprochen wurde, und es wurde wohl auch mal ein Blick durch das Guckloch einer anderen Zelle gewagt. Zwei Zellen hatten eine Verbindung mit­einander durch ein Loch in der Wand über dem Fußboden.

 

Am dritten Tag meines Dortseins wurde ich aufgerufen und nach oben geführt. Geblendet von der Helle stand ich in einem großen Zimmer dem Untersuchungsrichter ge­genüber, einem Herrn Zarch. Er sprach fließend Deutsch. — Personalien? Bei welcher Einheit gewesen? Feldlaza­rett? Wann? Sie können gehen, ich schicke Sie ins Lager. Ich begann eine Beschwerde zu äußern wegen der Unter­bringung, erhielt die Antwort an den Begleitposten: „Ab­führen.:

 

In der Zelle wurde ich beglückwünscht. Ich sollte nun aber nicht meinen, daß ich sofort herauskäme. Das dauerte dann auch noch eine ganze Woche. Ich benutzte sie, die Heimatanschriften der Zurückbleibenden auswendig zu lernen.

 

Eines Vormittags Gepolter auf dem Gang und Türen­schließen. Auch ich wurde herausgeholt, erhielt mein Gepäck, sogar die Wertsachen wieder, während andere darüber nur Quittungen erhielten, die später im Lager als wertlos abgenommen wurden. Vor dem Gebäude — es war das frühere lettische Landwirtschaftsministerium —  traten wir auf die Straße, geblendet vom hellen Sonnen­licht und blickten verwundert auf die grünen Anlagen und Straßen Rigas, die sommerlich gekleideten Menschen, die Straßenbahn. Wir schämten uns wegen des Schmutzes und der Bärte. Für uns stand ein offener Lastwagen bereit, auf dem wir durch die Straßen zum Lager gefahren wurden. Wir waren der erste Transport dieser Art, der in diesem Lager ankam, daher das große Erstaunen. Später wurde das etwas Alltägliches. „Wo kommt ihr doch bloß her?‘

— „Dürfen wir nicht sagen.“ — „Und wie seht Ihr aus!“

— „Gebt uns was zu essen.“

 

Und die Kameraden brachten, was sie hatten, Brot und Suppe, auch wurden Löffel, selbst gemachte Messer und Seife herbeigeschafft. Ein Friseur schnitt die Bärte ab und rasierte uns, wir duschten und wuschen uns, tauschten die Wäsche, die nur noch aus Lumpen bestand, gegen saube­re. So kam allmählich der alte Mensch wieder zum Vor­schein, etwas blaß zwar und hohlwangig, aber immerhin der alte.

 

Ich saß die ersten Tage nur in der Sonne. Die Kamera­den, die nicht Stabsoffiziere waren und diesen Aufenthalt im Keller mitgemacht hatten, meist sogar noch viel län­gere Zeit, wurden sofort am nächsten Tag zur Arbeit ein­gesetzt. Es gelang aber den deutschen Ärzten, den einen oder anderen krank zu schreiben, damit sie sich etwas erholen konnten.

 

Im Lager war großer Trubel. Ein Transport wurde vor­bereitet, eigentlich sogar drei. Zwei davon gingen nach dem Osten, ‚zu kurzem Einsatz, wie es hieß. Sie bestan­den aus Handwerkern und Fachleuten, die nach jahre­langer Arbeit nun endlich auf Heimkehr gehofft hatten. Sie wurden genau „gefilzt“ und mit zahlreichen Posten und Wachhunden zum Zug begleitet. Aber ein Abtrans­port ging wirklich nach Hause. Unter den Glücklichen befand sich auch der Arzt der Ambulanz. Die russische Ärztin fragte mich, der ich zufällig eines im Keller mir zugezogenen Ekzems wegen anwesend war, ob ich diesen Platz ausfüllen könne. Ich bejahte und wurde so schon im Juni1949 wieder ärztlich eingesetzt. Wir waren vier Ärz­te. Natürlich gab es viel mehr deutsche Ärzte im Lager —

damals etwa elf —‚ aber die meisten durften nicht ärztlich tätig sein, sie mußten Sand schaufeln, den Maurern Zu­reichungen machen, Schiffe mit Kunstdünger beladen oder Kohlen ausladen, Bretter stapeln, Türen anmalen oder ähnliche Arbeiten verrichten. Ich war der einzig chirurgisch vorgebildete Arzt1 deshalb übernahm ich diese Abteilung im Lazarett und habe dort mit den Kollegen zusammen die letzten Monate der Kriegsgefangenschaft eine verhältnismäßig befriedigende Tätigkeit ausüben können.

Dieses Lager in Riga war das beste, das ich bisher kennen gelernt hatte. Die Gebäude waren Baracken, deren Dächer dicht waren, die Unterbringung war in dreistöc­kigen Pritschen und voller Wanzen, aber sonst doch er­träglich. Es gab einen Lautsprecher in jedem Raum, durch den nicht nur zur Arbeit aufgerufen wurde, sondern ge­legentlich die deutschen Sender des Ostsektors zu hören waren. Das war etwas ganz Neues! Die Verpflegung war besser als in allen anderen Lagern. Der Küche gaben wir einen Wink wegen der noch im Keller verbliebenen. Sie hatte schon getan, was sie konnte, immer etwas reichli­cher gegeben, außerdem dem russischen Posten regel­mäßig eine ganze Portion extra zugeteilt. Die Fleischstücke hatte sie auch besonders groß bemessen. In Riga gab es von Zeit zu Zeit ein Stückchen Fleisch, allerdings die Kellerbewohner hatten nie etwas erhalten. Von nun an zerschnitten die Köche das Fleisch in winzige Stücke, die unter den Brei oder die Kartoffeln vermengt wurden.

Während des ganzen Sommers 1949 wurden täglich Vernehmungen durchgeführt. Die Kriegsgefangenen wur­den aufgerufen, „zum Stab“, d. h. zum Verwaltungsgebäu­de1 wo sie dann von russischen Offizieren längere oder kürzere Zeit vernommen wurden. Einige wurden ins Mi­nisterium (also in den Keller) gebracht, blieben dort, wurden verurteilt oder kamen ins Lager zurück, um später wieder eingeliefert zu werden. Dieser Keller war trotz Überbelegung nicht groß genug für so viele Insassen. Vie­le kamen nicht wieder, wir erfuhren, daß sie verurteilt seien. Einige hatten als Zeugen auftreten müssen, hatten dabei die Verurteilten noch einmal gesehen, wohl auch ein paar Worte mit ihnen wechseln können. Außerdem hatte ich Gelegenheit, die Liste der Ke insassen täglich einzusehen. Wie — das schreibe ich ni es könnte den Dortgebliebeflen schaden.

 

Durch das tägliche Aufgerufen werden zur Vernehirn oder das Auftauchen der „grünen Minna“ am Lager lebte jeder im Lager in ständiger großer Nervenanspannung. Wir alle hatten keine „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ oder sonst etwas begangen, deshalb war es gar nicht vorauszusehen, wen nun das Los traf, abtransportiert zu werden. Es erschien uns vollkommen willkürlich. Wir hatten alle vorübergehend oder länger Zeit Forinationen angehört~ die nach sowjetischer Ansicht „verbrecherisch“ waren: Landesschützen, Sicherungseinheiten, Polizei, darunter viele nur in der Heimat eingesetzt gewesene Verkehrsschutzleute, Feldgendarmen, Dolmetscher, Soldaten, die der Abteilung 1c ange­hört hatten. Solche Abteilungen gab es von der Division an aufwärts in jeder Formation des Heeres; sie befaßten sich mit der Feststellung der uns gegenüberliegenden feindlichen Verbände, der Stärke, Bewaffnung usw. Wer der Abteilung 1 c angehört hatte, sei es nun als Offizier oder als Schreiber und Zeichner, wurde bestimmt verur­teilt. Ortskommandanten, deren Adjutanten und sonstige Angehörige, auch das Schreibstuben Personal, selbstver­ständlich die dazugehörenden Feldgendarmen, waren schon alle 1948 oder im Sommer 1949 verurteilt worden, wie auch Feldkommandanten und deren Stäbe. Als eben­solche „Verbrecher“ galt das Bewachungspersonal von Gefangenenlagern. Sie wurden alle verurteilt, auch wenn sie nur Pferdepfleger beim Stab waren oder Koch bei der Feldküche der Wachkompanie. Dazu kamen „Einzelver­brecher“, die zugegeben hatten, mal ein Huhn geschlach­tet, eine Kuh requiriert, ein paar Rüben aus dem Acker gezogen zu haben. Solche Angaben waren den Russen meist von der Rechere Organisation“ gemacht worden, die es in jedem Lager gab und die von den Rus­sen eingesetzt worden war. Sie setzte sich zusammen aus Kriegsgefangenen, früheren deutschen Staatangehörigen, die für bessere Verpflegung, Bekleidung und Unterkunft, außerdem Befreiung von der Arbeit, dem Russen solche, meist unwahre, jedenfalls durch List irgendwie heraus­gebrachten Angaben über ihre deutschen Kameraden machten, diese dadurch vor den Richter und zur Verur­teilung brachten. Außerdem betätigten sich die Herren der Antifa auf russischen Befehl mit politischer Propa­ganda, sie hielten politische, kommunistisch-marxisstisch sein sollende Reden, die voller Lobhudeleien waren, au~ den großen, erhabenen (jetzt alles aufstehen!) Generalissi­mus Stalin und seinen Vorgänger Lenin. Lobreden auf alles, was sowjetisch russisch ist, alle die Erfindungen, die diese gemacht haben und die von der korrupten, bürger­lichen, verfallenen, faulen, kapitalistischen Gesellschaft nur den Russen gestohlen wurden, um sich selbst als Ersterfinder zu brüsten. Sie hielten Reden über den bald kom­menden Sieg der kommunistischen Parteien in aller Welt, den dicht bevorstehenden Zusammenbruch der kapitali­stischen „Ausbeuterklasse“, Reden gegen Kriegshetzer irr Westen, sie verurteilten jeden Krieg gegen die Sowjet­union, verherrlichten jeden Krieg, den Rußland seit Peter 1 geführt hat und in Zukunft führen wird. ‚1Wir sind nicht grundsätzlich gegen den Krieg, wir sind keine Pazifisten ein Krieg, den die Sowjetunion, das friedlichste Land der Welt, führt, ist immer gerecht, vaterländisch, dient der fortschrittlichen Kräften in aller Welt, deren Führer de große (aufstehen!) erhabene Stalin ist, der Vater und Freund aller Werktätigen in allen Ländern.“ So redetet diese Antifabonzen, so sprachen sie täglich im Lautsprecher, im Versammlungsraum, „Klub“ genannt, so störter sie die kurze Mittagspause der Kriegsgefangenen auf der Baustellen. Natürlich alles auf russisches Geheiß; es durfte nichts gesagt werden, was nicht vorher von dem russischen Politinspektor, einem Herrn Scherniak, genehmig worden war.

 

Diese Propaganda fiel auf schlechten Acker. Wer täglich damit rechnen muß, für nichts auf Jahre hinaus nach Sibirien in ein Arbeitslager verbannt zu werden, der ha den Glauben an das Paradies aller Völker verloren, w~ so frei des Menschen Herze schlägt“. Auch hatten wir all große Teile Rußlands gesehen, waren mit der russischer Bevölkerung zusammengekommen, hatten gesehen, wie schlecht sie leben, wie sie hungern, wie sie unter Umstän­den stehlen müssen, nur um am Leben zu bleiben, wie auch sie täglich befürchten müssen, in ein Lager verbannt zu werden. Wer mit der Bahn durch Rußland fährt, sieht schon vom Zuge aus, daß alle Fabriken und Werke mit hohen Stacheldrahtzäunen eingezäunt und mit Wachtür­men gesichert sind, auf denen je ein bewaffneter Posten die drinnen beschäftigten Zwangsarbeiter nicht aus den Augen läßt, Er schießt schnell, wenn sich einer dem Zaun nähert — und er trifft auch. Ich sah in Nowgorod, wo ich dem Lager etwa zwölf mal heimlich entschlüpfte und es auch ungesehen wieder betrat, einen Zug russischer Zwangsarbeiter, darunter dreizehn jährige Knaben durch die Straßen geführt werden, vorne und hinten begleitet von Posten mit Maschinenpistolen und Hunden. Einmal, trat ein Gefangener aus der Reihe, der Posten erschoß ihn auf der Stelle. Ich hörte die Schüsse, sah ihn fallen und wie er fortgeschafft wurde. Im November 1949 wurde ein russischer General in einem Strafgefangenenlager, das er besuchte, überfallen und von seinen gepeinigten Lands­leuten erschlagen. Er wurde mit großem Pomp beerdigt. In der Kirgisensteppe am Ural wurde ich zu einem Toten geholt, den ein Milizbeamter erschossen hatte, eines ver­suchten Diebstahls wegen. Der Polizist stieß ihn mit dem Fuß, so daß er bald auf die eine, bald auf die andere Seite rollte und wollte mir einreden, daß es ein deutscher Spion sei.

 

Mit den deutschen Kriegsgefangenen verfuhren sie nicht besser. Ende 1948 waren die russischen Posten nervös ge~ macht, offenbar durch Befehle von oben, jetzt zu dem von uns erhofften und versprochenen Heimkehrertermin besonders wachsam zu sein. Ein entwichener Kriegsge­fangener kostet den russischen Posten 5 Jahre Sibirien. In Nowgorod marschierte eine Gruppe Kriegsgefangener, etwa 100 Mann, zur täglichen Arbeit durchs Tor. Vorne ging, wie immer, der deutsche Führer des Kommandos, einer so genannten Brigade, ein früherer Musiker B. Wie immer wollte er auch an diesem Tage eine große Pfütze auf dem Wege, keine 100 m vom Lager entfernt, umgehen und mit ihm das ganze Kommando. Der Posten sieht ihn abbiegen und erschießt ihn durch mehrere Schüsse aus der Maschinenpistole. Große Empörung im Lager und Anfrage beim Russen, der durch den Lagerkommandanten, Oberst­leutnant Bjelizerkowski und den Politoffizier, Oberleut­nant Petrow, erklären ließ, „es habe sich um einen Unfall gehandelt, die Waffe ging allein los“.

 

In Borowitschi waren Kriegsgefangene in einem Berg­werk beschäftigt, wo schlechte, fast nicht den Abbau lohnende Kohle in noch schlechteren Bergwerksanlagen gefördert wurde. Nach der Arbeit wurde eine Gruppe~ Kriegsgefangener zum Lager zurückgeführt und stand vor dem Tor. Da gab es mit dem russischen zivilen Begleit­posten eine Auseinandersetzung wegen der Berechnung der Arbeitsprozente. Die Kriegsgefangenen waren wieder einmal besonders grob betrogen worden. Worte hin und her, der Posten nimmt seine Knarre, verwundet einen Kriegsgefangenen und tötet einen anderen, gänzlich un­beteiligten, der auch gerade von der Arbeit zurückge­kommen war, einen Sch., im Zivilberuf Amtsgerichtsrat.

— Aus dem Lager Orenburg am Ural war Anfang 1947 ein Kriegsgefangener N., ein Badenser, geflohen. Er wurde in der Steppe von dem hinterhergeschickten Posten nach Tagen gefaßt und angeblich bei einem erneuten Fluchtversuch erschossen. Der Tote wurde gebracht, uns aber ausnahmsweise nicht gezeigt — sonst legte man die Er­schossenen zur Abschreckung ans Tor — er wurde nur von Russen seziert. Deutsche durften nicht zugegen sein. Ich sah aber seinen Uniformrock: sechs Einschüsse im Rücken, Pulverschmauch um die Löcher. Also Nahschuß aus ganz geringer Entfernung.

 

Wir waren alle schon in vielen Lagern in Rußland ge­wesen, jeder wußte, was ihm bevorstand, wenn er verur­teilt wurde. Trotzdem verstand der Russe es immer wie­der, in uns Hoffnung zu wecken, wir würden noch in diesem Jahr 1949 entlassen werden. Das hätte der Ge­nosse Stalin (aufstehen) versprochen (klatschen), und die Sowjetunion hielte bekanntlich immer ihre Versprechun­gen (Beifall). Es ging deshalb auch ein kleiner Transport von etwa hundert Mann im August nach Hause. Tausende blieben! Man vertröstete uns auf den Oktober, dami gin­gen die großen Transporte, dann kämen alle nach Hause. Tatsächlich wurde alles vorbereitet. Zunächst wurde eine „Hennecke Wochen eingelegt, in der Arbeitsleistungen auf das HöchstmöglichSte gesteigert werden mußten. „Arbei­tet 200 bis 300 Prozent, erarbeitet noch höhere Prozente, jeder kommt dann Ende derHennecke Woche nach Hause.“

—                                   So sagte die Antifa, und die gutgläubigen Deutschen taten ihr Bestes. Gleichzeitig lief die Propaganda in größ­tem Ausmaße weiter. Wirklich wurden alle Gefangenen eingekleidet, die namentlichen Transportlisten verlesen, Feldküchen für die Waggons hergerichtet, Holz und Ver­pflegung ausgegeben. Unser Ältester, Professor Z., 82 Jahre alt, bekam eine Wattehose, der nächste, 78jährig, nicht mehr, er war noch zu jung! Unserem jüngsten, drei Monate alten Sohn einer Nachrichtenhelferin, wurde von den Tischlern noch schnell ein Kinderwagen gebaut; die anderen Frauen mit Kindern hatten schon solche Fahr­zeuge. Alles hoffte auf den Abtransport, der Termin war auf den 4. Oktober festgesetzt.

 

Am Tage vorher wurde noch einmal ein „Abschieds­meeting abgehalten, auf dem der russische Politoffizier sprechen sollte. Er kam auch und erklärte: selbstverständ­lich werden alle Kriegsgefangenen noch in diesem Jahr nach Hause entlassen, der große (klatschen) Stalin (auf­stehen) habe es versprochen. Und die Sowjetunion hält usw. Deshalb sei es selbstverständlich, daß auch wir nach Hause führen — nur nicht gleich. Wir müßten erst noch einen kurzen Umweg nach Osten machen, um dort drin­gende Arbeiten zu erledigen. Nach zwei oder drei Mona­ten kämen wir dann alle bestimmt nach Hause, dank der Güte des großen Stalin (auf!), dem Vater aller Werktäti­gen. — Ungeheure Empörung und Enttäuschung! Die Ab­fahrt verschob sich um einen Tag, es wurde wieder ge­arbeitet.

 

Nun kommt etwas, was ich nur gehört habe. Diese Vor­kommnisse wurden angeblich von lettischen Partisanen nach Schweden gefunkt: „Abtransport von tausend Deut­scheu nach dem Osten, darunter Frauen mit kleinen Kin­dern und achtzigjährige Greise. Alles im Namen der Menschlichkeit.“ Diese Nachricht wurde dann angeblich auch von westdeutschen Sendern verbreitet.

 

Ob nun daraufhin oder aus anderen Gründen, jedenfalls wurden weitere Transporte abgeblasen. Alles blieb an Ort und Stelle. Dafür wurden die Vernehmungen und Ver­urteilungen jetzt verstärkt fortgesetzt. Es ging immer hin und her zwischen dem Lager und dem Keller der GPU. Dadurch, daß einige wieder heraus und ins Lager kamen, und durch andere, die nur als Zeugen vernommen wurden, erfuhren wir von den Verurteilten. Aus dem Zeugen wur­de gewöhnlich beim nächsten Mal ein Angeklagter, zu dem dann wieder andere „Zeugen“ aufgerufen wurden. Konnten sie kein „Kriegsverbrechen“ bezeugen — und wer konnte das —‚ so waren sie das nächste mal Ange­klagte. Täglich kamen Kameraden von uns fort, die wir nicht wieder sahen. Ende November ging noch einmal ein Transport nach Hause, Anfang Dezember ein zweiter. Wir blieben nur noch 289 Mann im Lager. „Ihr fahrt alle am 12. Dezember“, sagte der Russe. „Weihnachten seid Ihr zu Hause und esst Kuchen“, sagten die jüdischen Kommissare, die wußten, was uns Weihnachten bedeutet.

 

Noch am Tage des Abganges des letzten Transportes fuhr das grüne Polizeiauto wieder vor und holte acht Mann ins „Ministerium“. Es war dies der letzte Eindruck, den die Heimkehrer mitnahmen. So ging das nun täglich weiter. Jeden Mittag wurden acht bis zwölf Mann auf­gerufen und fortgefahren. Sie kamen nicht zurück. Da die Unruhe deshalb im Lager sehr groß wurde, auch die Ar­beitsleistung auf den jetzt viel stärker bewachten Bau­stellen sank, sogar das Essen oft nicht angenommen wur­de, versuchte der Russe zu tarnen. Er ließ verkünden, die kämen als Abstellkommando nach dem Städtchen Oger oder nach Mitau oder nach Rigastrand zu besonderem Arbeitseinsatz. Die Betreffenden kamen nach wie vor in den GPU-Keller, ins Ministerium. Sie waren weiter bei uns in täglicher Verpflegung, bis dann die Ärztin die Sani­tätskarten dieser Kriegsgefangenen heraussuchte und das Wort „Kriegsgefangener“ vor dem Namen durchstrich und in „Bestrafte“ (Saklutschoni) umwandelte. Auch be­richteten immer wieder Zeugen, diesen oder jenen, der angeblich in Mitau oder Oger sein sollte, als Angeklagten gesehen zu haben. Zum Schluß, am 20. Dezember 1949, ließ der Politoffizier des Lagers, AbramowitsCh, die Maske fallen: „Ihr seid die Letzten, die aus Lettland nach Hause fahren. Alle anderen, die vorher fort gekommen sind, sind wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit verurteilt worden.

 

Mehrfach erhängte sich ein Insasse im GPU-Keller, zu­letzt ein Feldwebel Karl G., Jahrgang 1910. Ein anderer, ein 5ojähriger Zimmermann, den man vom Heimtransport gestrichen hatte, erlitt am 2. Dezember einen Schlaganfall und war sofort tot. Dasselbe war auch in an4eren Lagern früher schon vorgekommen. Sogar Kranke wurden aus dem Lazarett ungeheilt und noch fiebernd ins Ministerium gebracht und in den Keller gesperrt. Proteste meinerseits nützten nichts, erwirkten höchstens einen Aufschub um einen Tag.

 

Im Lazarett hatte ich u. a. vier Krebskranke liegen. Alle vier waren in Gegenwart russischer Ärzte operiert wor­den, an der Diagnose kein Zweifel, auch nicht an dem zu erwartenden tödlichen Ausgang, da keine Radikaloperation hatte vorgenommenen werden können. Alle vier hatten sich nach dem Eingriff im Laufe des Sommers soweit er­holt, daß sie aufstehen und umhergehen konnten, trans­portfähig waren. Es handelte sich um Mannschaften, nicht um Offiziere. Unsere Bitte, diese Schwerkranken doch nach Hause zu entlassen, wurde abgelehnt. Sie gehörten „belasteten Formationen“ an. Ich fragte sie danach: einer war vier oder sechs Wochen bei einem Wachkommando gewesen, sonst immer an der Front. Ein anderer Land­gendarm in der Heimat. Zu diesen gehörte auch der Kriegsinternierte Z., 60 Jahre alt, pensionierter Polizei­beamter aus Sachsen. 1946 wurde er auf der Straße in Leipzig verhaftet. Er ist nicht Soldat und nie im Osten gewesen. Sein Enkelkind, das er auf dem Arm trug, mußte er sich selbst überlassen und dem russischen Kommando folgen. Er wurde über Frankfurt/Oder in verschiedene Lager der Sowjetunion gebracht und zur Arbeit einge­setzt. Er erkrankte im Herbst 1948 an Magenbeschwerden, wurde operiert. Krebs. Da eine Radikaloperation nicht möglich war, wurde ein zweiter Magenausgang angelegt Z. erholte sich danach zunächst recht gut, ging im L~ spazieren und war ohne weiteres transportfähig. Von deutschen Ärzten wurde Heimtransport vorgesch1a und von der russischen Lagerärztin befürwortet. Er wird. von der NKWD abgelehnt, weil Z. Polizeibeamter gewesen war. Er wurde in schwer kranken Zustand im Oktober 1949 nach Osten abtransportiert. Auch die anderen Kr kranken und eine große Anzahl weiterer Kranker wie mit diesem Krankentransport fortgeschickt. Sie wurden in einen gewöhnlichen Güterwagen verladen, dem ein großes rotes Kreuz an die Tür gemalt war. Ein  kranker starb Ende November in Riga.

 

weiter Teil 4

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Kommentare  

 
0 #1 Britta Brackmann 2013-12-05 09:15
Hallo,
haben Sie während Ihrer Kriegsgefangens chaft einen Erich Künzel (Hauptmann, Granatsplitterv erletzung des Kopfes, aus Sachsen, Doktor der Wirtschaftswiss enschaften)kenn engelernt? Er war mein Großvater und ich würde gerne mehr über Ihn wissen.

Viele Grüße,
Britta Brackmann
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