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Das Polenkind

 

Es war im Spätsommer des Jahres 1939. Ich hatte meine Landpraxis in Schleswig-Holstein verlassen müssen und war zu einem Artillerieregiment als Truppenarzt ~einbe­rufen worden. Wir waren mit der Bahn nach Schlesien gefahren worden, das ganze Regiment mit Geschützen, Wagen und vielen Pferden.

 

Anfang September überschritten wir die polnische Grenze. Auf Sandwegen bewegte sich der große Heer-wurm langsam vorwärts. Da die feindliche Luftwaffe zerstört worden war, marschierten wir in fast friedens-mäßiger Ordnung nach Osten.

 

Wir kamen durch Dörfer und Städte, denen man die Spuren des Krieges kaum ansah. Hin und wieder ein ab-gebranntes Gehöft oder eine zerstörte Brücke, die auf einer Notbrücke umgangen werden mußte. Wir ritten Tag und Nacht, kaum daß wir mal am Wegrand einige Stunden rasteten, mehr der Pferde als unseretwegen. Wei­den mit bestem Klee, ein Dorfteich dabei, waren geeignet zum Füttern und Tränken der Pferde, die Gurte wurden nur schnell etwas gelockert — zum Absatteln reichte die Zeit nicht — und den treuen vierbeinigen Kameraden ein kurzer Weidegang gegönnt. Wir schliefen im Schatten einiger Bäume wo und wie wir gerade standen, oder schlenderten durchs Dorf. Der Kramladen des Dorfes war geplündert, Tüten, Schachteln, Flaschen und Dosen auf die Straße geworfen. Auch in der dürftigen Schenke hatten sie böse gehaust, nichts war mehr heil, Scherben und Trümmer lagen herum. Sogar die Schmiede und die Mühle waren erbrochen.

 

Leutnant B. und ich waren in den Pfarrhausgarten ge­raten und ließen uns das reife Obst schmecken. Dann tra­ten wir in die Kirche ein. Drinnen war es kühl und dämmerig. Im übrigen der goldene, silberne und bunte Flitter, wie in allen polnischen Dorfkirchen.

 

Durch die offene Tür sahen wir die Dorfstraße hin­unter, auf der mein Sanitätsunteroffizier mit einem heftig gestikulierenden, hinkenden und buckligen polnischen Zivilisten entlangkam. Sie suchten mich, und der ein wenig deutsch sprechende Pole berichtete, daß im Orte eine Frau ihrer Niederkunft entgegensehe, die Hebamme aber mit der übrigen Bevölkerung geflohen, ein Arzt nicht zu erreichen sei. Ob der deutsche Panje Doktor helfen wolle. Mein San.-Uffz. hatte schon die Arzttasche vom Sattel geschnallt und mitgebracht. Für Beistand bei einer Geburt war ihr Inhalt aber nicht recht geeignet.

 

Wir machten uns auf den Weg zu einem abgelegenen Ortsteil. Kleine, niedrige Häuser, mit Stroh treppen­förmig und schlecht gedeckt, die Wände aus mit Kalk weiß bemalten Holzbohlen, darin winzige Fenster, das waren die Wohnstätten. Durch eine Tür gingen wir ge­bückt hinein und standen auch schon in der Küche, auf deren Herd ein Wasserkessel brodelte. Rechts führte eine Tür in eine kleine Kammer, links in die Wohnstube. Nie­drige Balkendecke, holpriger Lehmfußboden. Die Wände und ein mächtiger Lehmofen waren mit blauer Farbe ge­tüncht. Im Zimmer standen einige Frauen, in der Ecke das Bett mit der ängstlich mich ansehenden Kranken. Eine alte Nähmaschine mit Handantrieb Marke Singer, zwei wacklige Stühle und ein halbes Dutzend Heiligenbilder an den Wänden vervollständigten die Einrichtung.

 

Eine der Frauen sprach etwas deutsch und berichtete, daß die junge Frau ihr erstes Kind erwarte, schon 37 Jahre alt sei und trotz aller Mühen seit nun schon vielen Stunden der kleine Erdenbürger nicht erscheinen wolle.

 

Nachdem es mir geglückt war, das Misstrauen der wer­denden Mutter zu überwinden, gelang es mir, ihr mit ein paar Handgriffen zu helfen: ein kleines Mädchen kam zur Welt. Immerhin, der Eingriff war lebensnotwendig, Hilfe durch einen Arzt oder eine geschickte Hebamme war unerlässlich. Eine hölzerne Waschbütte wurde hereingebracht und auf die beiden Stühle gestellt. Auf den Boden der Bütte kam ein Tuch oder Lappen, darüber einige Zentimeter Wasser. Das Kind wurde hineingelegt und schrie und strampelte.

 

Eine Frau spülte es ab und trocknete es. Ich machte mich an die Versorgung des Nabels, wie das bei uns üblich ist. Mir schien, als ob die Frauen darüber erstaunt waren, vielleicht macht man das in Polen anders.

 

Dann wurde das Kind in ein Tuch gewickelt, Babykleidung war nicht vorhanden1 was durch die Kriegs-unruhen bedingt sein konnte.

 

Die Mutter bekam ihr Kind in den Arm gelegt, das sie mit demselben glücklichen Lächeln zum ersten Male ansah, wie das alle Mütter in aller Welt tun. Es war ein friedliches Bild, woran auch der draußen auf- und abmarschierende, uns bewachende Posten nichts änderte. Danach wieder großes Palaver der Polenfrauen. Die deutschsprechende stellte nach einigem Drucksen die Frage: „Wie viel Sloty?“

 

Nach meiner Antwort, daß diese Hilfe selbstverständ­lich nichts koste, wollte ich mich mit guten Wünschen verabschieden. Zu meinem Erschrecken sprang da die junge Mutter aus dem Bett und küsste, ehe ich es ver­hindern konnte, meine Hand.

 

Wir eilten zur Truppe zurück und bald ging der Ritt nach Osten weiter. Ob wohl die Mutter den Krieg über­standen hat und gelegentlich an diese dramatische Ge­burt ihres ersten Kindes denkt? Ob sie ihrer Tochter da­von erzählt hat?

 

Ich habe in den nächsten Tagen noch oft daran gedacht, wie viel Schönes doch der ärztliche Beruf geben kann, wo auch immer in aller Welt.

 

 

 

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch meines Vaters, Friedrich Marsch“ „ Die Hexe im Federbett“

 

 

Viel Spass beim Lesen

 

Fritz

 

 

 

 

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