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Das Zahnziehen

 

„Wer sich nicht zu helfen weiß, ist nicht wert, daß er in Verlegenheit kommt“ sagte mir früher einmal eine alte Kätnersfrau, natürlich auf platt. Besonders unsere ~~Landesbevölkerung ist reich an Sinnsprüchen aller Art und weiß sie geschickt anzubringen — man muß nur hin­hören.

 

Wer Zahnschmerzen hat, ist in arger Verlegenheit. Das war schon immer so und ist von Malern und Dichtern oft humorvoll dargestellt worden (als sie selbst gerade nicht daran litten). Der niederländische Maler Pieter Breughel der A. hat in seinen Bildern aus dem bürger­lichen Leben im 16. Jahrhundert besonders das Zahnziehen mehrmals sehr drastisch dargestellt. Es geschah meist in der Offentlichkeit im Freien, oft mit Musikbe­gleitung, die das Wehgeschrei des Patienten übertönen sollte.

 

Auch Wilhelm Busch schildert und zeichnet diese

schmerzhafte Angelegenheit sehr treffend. Im Bählamm

Bählamm, dem verhinderten Dichter, hieß es:

 

„denn einzig in der engen Höhle des Backenzahns weilt die Seele. Und unter Toben und Gesaus

reift der Entschluss: er muß heraus!“

 

Es war im Anfang der zwanziger Jahre, ich hatte zwar mein medizinisches Staatsexamen bereits bestanden, hatte auch promoviert, war aber noch nicht approbiert. da bat mich ein befreundeter ~ Landarzt aus Tellingstedt in Dithmarschen, ihn für zwei Wochen zu vertreten. Damals waren Ärzte auf dem Lande zur Vertretung schwer zu bekommen. Mir war es sehr recht, ich habe auch später noch häufiger Landärzte ver­treten. Es ist immer gut, wenn man Erfahrungen erstmal

in fremden Praxen sammelt. Damit nichts passieren konn­te, stellte der verreisende Arzt mich einem alten, erfah­renen Kollegen in der Nachbarschaft vor, an den ich mich in Zweifelsfällen wenden durfte — und auch mehrfach tat.

 

Da saß ich nun allein in seinem sehr kleinen Sprech­zimmer und betrachtete die wenigen Instrumente, die da­mals noch zur Ausübung einer Praxis ausreichten. Darun­ter waren auch ein paar Zahnzangen, wie ich später er­fuhr, noch aus Heeresbeständen. Der erste Weltkrieg war vor nicht langer Zeit erst zu Ende gegangen. Ich bewegte sie und dachte, die werde ich wohl nicht gebrauchen. Schließlich gibt es Zahnärzte. Das war aber ein Irrtum. Es gab wohl welche, weit weg in der Kreis­stadt Heide. Eine Reise in die Stadt war aber ein großes Unternehmen. Es gab weder Autos noch Busse, nur eine Kleinbahn fuhr einmal am Tag nach Heide und am nächsten Tag zurück. Man mußte also anspannen, wenn man Pferd und Wagen hatte oder leihen konnte, oder ein Fahrrad benutzen. Viele gingen zu Fuß, was sehr gesund war, nur wußten sie es nicht.

 

In dieser Zeit war es durchaus noch üblich, daß die Landärzte auch Zähne zogen, oft mit großem Geschick.

Ich saß also im Sprechzimmer, als das Hausmädchen hereinkam und meldete, daß eine Patienten im Warte­zimmer sei. Ich zupfte meinen weißen Kittel zurecht und öffnete mit ernster Miene, aber doch leicht gespannt die Tür, um meine erste Patientin zu empfangen.

 

Eine Frau in mittleren Jahren hatte heftige Zahn­schmerzen und bat mich, ihr den Zahn zu ziehen. Da hatten wir das Malheur! Zunächst einmal sah ich mir den Zahn und das ganze Gebiß an, so wie ich es gelernt hatte. Dann wieder die Frau und verfiel auf einen rettenden Gedanken.

 

Ich sagte ihr, daß der Zahn noch erhalten werden kön­ne, Plox nbieren sei möglich. Eine Zahnlücke im Gebiß wäre nicht gut, entsteht auch etwas das Aussehen einer so jungen Frau (das war sie zwar nicht, aber ich war da­mals schon ein Schelm). Schließlich gelang es mir, sie zu trösten, Nach Abgabe von ein paar Tabletten und dem

Ziehen. Rat einen Zahnarzt in Heide aufzUSUch~~1, ging sie da­von. Das war noch einmal gutverlaufen!

 

Ich orientiere mich aber doch in einem Buch des ver­reisten Doktors über das Zahnziehen und ähnliche Ein­griffe. So erfuhr ich welche Bedeutung die fünf Zangen hatten die ich vorfand.

 

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Fahrrad durch ein Nachbardorf und sah dort die Zahnkranke mit einem großen Tuch um den Kopf im Garten arbeiten. Ich fragte sie, ob sie schon beim Zahnarzt gewesen sei. Sie ver­neinte und bat mich nochmals dringend, ihr doch jetzt und am liebsten sofort den Zahn zu ziehen. Ich erwiderte

wahrheitsgemäß daß ich keine Zahnzange bei mir hätte, aber sie möge morgen früh zu mir kommen, dann -wollte ich ihr helfen.

Am morgen sagte mir das Mädchen: „Herr Doktor (das war ich zwar schon, aber es ging mir doch glatt runter), eine Patientin ist da mit Zahnschmerze1en— „Ich weiß“ und öffnete die Tür, um sie hereinzulassen“. Oh Schreck, es war eine andere! Bei dieser kräftigen Dithmarscher Deern halfen meine \Torschläge: Zahnarzt, plombieren lassen Usw. ebenso wenig wie der Hinweis auf eine ge­wisse Entstellung durch eine Lücke im Gebiß.

Es kam hinzu, daß ich aufs Zahnziehen eingestellt und vorbereitet war. Auch war meine Abwehrkraft ge­schwächt.

Ich betäubte nicht nur den Zahn und seine Umgebung gründlich~ (ich brauchte fast die dreifache Menge des nötigen ~ und erreichte, daß fast die ganze Gesichtshälfte gefühllos wurde.

Ich hatte noch weiter Glück: der Zahn saß nicht sehr fest, glatt und völlig schmerzlos kam er heraus. Arzt und Patientin waren erleichtert.

 

Im Wartezimmer saß inzwischen auch die bestellte zahnschmerzgeplagte Frau. Sie erfuhr von der Fortge­henden sofort von der geglückte11 Operation. Bei ihr war es dann dieselbe Geschichte: gründliche Betäubung und abwarten Bald hatte ich auch diesen, nicht allzu fest sitzenden Zahn in der Zange.

Das spielte sich vor Ostern ab. Am Palmsonntag war überall Konfirmation, anschließend gab es Festlichkeiten mit viel Kuchen. Auch meine beiden Zahn-Patienten, die in verschiedenen Ortschaften wohnten, nahmen daran teil. Neuigkeiten aller Art -wurden erzählt — in dieser glücklichen Zeit gab es noch kein Fernsehen und keine Rundfunksendungen,‚ natürlich kam auch zur Sprache, daß da in Tellingstedt ein junger Arzt zur Vertretung des alten Doktors sei. Beide Frauen lobten meine ‘Kunst im Zahnziehen über alle Maßen, es sei völlig schmerzlos usw.

 

Der Erfolg war furchtbar! In den nächsten Tagen hatte ich fast mehr Zahnkranke als sonstige Kranke. Ich bemüh­te mich sehr, aber •es ging nicht mehr alles so gut wie bei den ersten beiden Frauen. Auch das Zahnziehen will gelernt sein, sogar sehr gründlich! Ich hatte alle gezo­genen Zähne aufbewahrt und zeigte sie stolz dem zurück­gekehrten Kollegen.

 

Ich war aber doch froh, wieder in die Kieler Universi­tätsklinik zurückfahren zu können, wo ich u. a. und mehr nebenbei in der Zahnklinik einen entsprechenden Kursus besuchte.

 

Das hat mir nie leid getan, im Kriege und vor allem in der Kriegsgefangenschaft habe ich manchem zahnkranken Deutschen und Russen helfen können.

 

Es war wohl etwas wert, daß ich damals in Verlegen­heit kam!

 

 

 

 

 

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch meines Vaters, Friedrich Marsch“ „ Die Hexe im Federbett“

 

 

Viel Spass beim Lesen

 

Fritz

 

 

 

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