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Der Spion

 

Der Spion

 

 

Durch die heiße, weite Kirgisensteppe wanderten wir die staubige Straße entlang, die russische Lagerärztin und der deutsche Kriegsgefangene Arzt. Die Luft flimmerte vor Hitze, kein Baum, kein Strauch gab Schatten. Rechts und links des Weges, der nur aus ein paar Wagenspuren bestand, dehnten sich bis zum Horizont weite Felder. Was dort wuchs, war nicht zu erkennen, denn Wermutsträucher. überwucherten alles, Kartoffeln und Hafer, Melonen und Kürbisse. Ganz in der Ferne zog sich ein niedriger Höhenzug hin, ein letzter Ausläufer des Uralgebirges.

 

„Sagen Sie mir bitte, Jeiena Petrowna, wohin geht der Weg und was bezweckt er?“ fragte ich die schöne, barfuß neben mir hergehende Ärztin. „Wir sollen einen Toten sehen“, antwortete sie. „Das hatte man mir schon im Lager gesagt, aber warum liegt er so weit draußen?“ ich weiß nicht.“ Offensichtlich war sie nicht zum Spre­chen aufgelegt.

 

Dies „Tote besehen“ kannte ich; es war immer eine un­angenehme Aufgabe. Hatte ein Gefangener aus Verzweif­lung oder „Kurzschluß“, wie wir es nannten, einen Fluchtversuch gemacht, dann wurde der Dejurni (von franzö­sisch de jour), der russische Offizier, der gerade an dem Tage Dienst hatte, angesetzt, ihn wieder einzufangen. Das gelang ihm meist sehr bald, manchmal auch erst nach Tagen. Der Gefangene wurde dann — tot — ans Lagertor gelegt, damit ihn alle sehen konnten.

 

Ich wurde geholt, um den Tod festzustellen und bei der Aufstellung eines „Aktes“ zu helfen. „Tod durch Er­schießen“ konnte ich jeweils nur aussagen. „Sehen Sie, Doktor“ — erklärte mir der Lagernatschalnik — „wir hat­ten ihn eingeholt, ihm gut zugeredet, er war auch gutwillig gefolgt, aber dann — plötzlich, machte er einen neuen Fluchtversuch. Leider traf ihn der Schuß tödlich.“

Ich habe sie alle gesehen alle lagen am Tor, alle waren einwandfrei durch einen Nahschub getötet worden, der aus ganz kurzer Entfernung abgegeben worden war.

 

Nachdenklich ging ich den staubigen Weg entlang. — „Woran denken Sie, Friedrich Fernandowitssch?“ — „An nichts. Ich bin es nicht mehr gewohnt~ so weit zu laufen.“

—                            „Wir sind bald da. Dort ist schon die Bahn.“ Durch die Steppe zog sich ein Schienenstrang, einglei­sig, wie alle Bahnen im Inneren Rußlands, die ich gesehen habe, und fast ohne Unterbau, nur mit Schwellen auf dem Steppenboden verlegt. Wir überquerten die Schienen und gingen auf eine Gruppe Menschen zu, die jetzt erkennbar wurde.

Ein Dutzend Männer, ein Polizist (Milizionäre) in der Mitte. Sie umstanden einen Toten. Der Milizionär be­grüßte die Ärztin, winkte mir gnädig, aber etwas un­sicher zu, und alle traten zur Seite.

 

Der Leichnam eines etwa 24 Jahre alten Mannes lag vor uns auf dem Bauch und war fast unbekleidet. Er war von hinten erschossen worden, mehrere Kugeln mußten ihn sofort tödlich getroffen haben. Die Ärztin sprach mit dem Polizisten. Ich verstand sie, ließ es mir aber doch noch mal erklären, um herauszubekommen, was vor­gefallen war und was man von mir wollte.

 

„Sie sollen die Tätowierungen sehen“, meinte die Ärz­tin. Der Milizionär drehte den Toten mit einem Fußtritt auf den Rücken. Er war an den Armen und an einem Oberschenkel tätowiert. Das Bild auf einem Arm stellte zwei Hände dar, die sich guten Tag sagten. „Zwei Hände“

—      „Ruki! Er weiß es~“ Der Milizionär war begeistert.

 

Und hier? Am anderen Arm war ein Schmetterling ab­gebildet. „Was heißt Schmetterling auf russisch?“ Ich wußte es nicht. Ich versuchte, mit den Händen den Schaukelpflug eines Schmetterlings nachzuahmen Alles lachte. „Charascho.“

Jetzt wurde mir der Oberarm gezeigt. Dort war eine besonders prächtige Tätowierung zu sehen, ein Rettungs­ring. Auf ihm drei Buchstaben, zwei davon in kyrillischer Schrift. In der Mitte des Ringes dampfte ein Schiff mit viel Rauchentwicklung auf bewegter See. „Rettungsring mit Dampfschiff.‘ Damit war der Polizist keineswegs einver­standen, er guckte mich böse an. „Das kein Schiff, das eine Krone, die deutsche Kaiserkrone, Du ganz genau wissen. Er sprach russisch, hin und wieder ein deutsches Wort dazwischen werfend.

 

Ich sah die Arztin an, sagte auf deutsch „Dummkopf“, wozu sie nickte und fragte, ob ich eine Krone zeichnen könne. Man reichte mir Papier und Bleistift, und ich tat mein Möglichstes. Es entstand das, was ich mir unter der Krone Karies des Großen immer vorgestellt hatte. Man war allgemein sehr zufrieden mit dieser Zeichnung.

 

„Da seht Ihr‘s ‚verkündete stolz der Milizionär, „genau dasselbe, hier auf dem Arm und da auf der Zeichnung, die der Deutsche gemalt hat: beides die deutsche Kaiser­krone.

 

Mir konnte es gleich sein, mochten sie der Meinung sein, das Schiff. sei eine Krone. Was das aber bedeuten sollte, konnte ich immer noch nicht begreifen.

 

Nun kam die Tätowierung am Oberschenkel. Ohne Frage, ein ungewöhnlicher Ort für eine Tätowierung. Sie stellte einen hohen Pokal dar, um dessen Stiel sich eine Schlange mehrfach wand, ehe sie sich in großem Bogen mit dem Kopf dem Kelch zuwandte, um in ihn hineinzu­spucken. Das Sinnbild kannte ich. Es war das Zeichen der russischen Sanitätsdienste, ebenso wie bei uns der Äsku­lapstab.

 

„Nu, Doktor, kak?“ — „Schlange mit Pokal, Sanitäts­abzeichen.“ — „Eine Schlange ja, aber eine raffinierte.~‘ — „Das behauptet man seit Adams Zeiten.“ — „Prawda, Doktor“, — er klopfte mir auf die Schulter — „Adam lange tot, Gitler auch tot, kaputt“ — er spuckte aus — „aber SS lebt noch. Dies ein SS-Spion.“

 

Ich sah in die Gesichter der Umstehenden. Alle blick­ten mich fragend und gespannt an. Worauf sollte das nur hinaus? Welche Teufelei steckte dahinter. In solchem Fall

— in der Gewalt der anderen — stellt man sich am besten dumm und sagt erst mal nichts. Die Ärztin reichte mir wieder Bleistift und Papier. „Zeichnen Sie bitte ein SS ­Zeichen.“ Ich kritzelte zwei Blitze —‚ der Milizionär war zufrieden.

 

Triumphierend zeigte er das Blatt in der Runde. „Hier hat der deutsche Doktor ein SS-Zeichen gemalt, dasselbe, das der Tote trägt. Die Schlange windet sich wie zwei deutsche S um den Pokal und spuckt in Form eines russi­schen 5 auch noch hinein. Zum Teufel!“ — Alle waren befriedigt — und wir entlassen.

 

Hinter der Bahn begegnete uns ein Dromedar, das einen vierrädrigen Karren zog und von Zeit zu Zeit grässlich schrie. Auf dem Wagen lag bäuchlings ein Mann und rief uns ein Scherzwort zu. Dann wanderten wir wieder alleine durch die Steppe.

 

„Können Sie mir erklären, verehrte Kollegin, was die ganze Geschichte zu bedeuten hat?“ — Sie schwieg. — „Ich vermute, daß der Tote ein Seemann war. Angehörige dieses Berufes pflegen sich gern zu tätowieren. Der Pokal deutet auf Zugehörigkeit zu einer Sanitätstruppe, also gehört er zu unserer. Zunft. Ein Deutscher war es nicht. Das Sanitätsemblem ist russisch, die Buchstaben auf dem Rettungsring auch, es muß sich um einen Russen gehan­delt haben.“

 

Vorsichtig sah sie sich mehrmals um. Wir waren allein in weiter Steppe. „Natürlich war es ein Russe. Er hat gestohlen, dort hinten im Dorf, das wir vorhin gesehen haben. Man hat ihn erwischt, verfolgt, auch der Milizio­när ist hinter ihm hergelaufen. Der junge Mann war aber schneller, und deshalb schoss der Polizist auf ihn. Daß er dabei getötet wurde, war nicht beabsichtigt. Im Gegenteil, die Polizei muß einen Dieb fangen, aber nicht erschießen. Der wird später verurteilt und kann in einem Lager arbeiten. Ein Toter nützt nichts mehr. Ihn hat er aber erschossen und deshalb selbst eine Bestrafung zu erwarten

— es sei denn, er hat einen gefährlichen Staatsfeind ver­nichtet. Darum braucht er Beweis und Bestätigung, daß dieser Tote nicht ein gewöhnlicher Dieb war, sondern ein Agent, ein deutscher SS-Bandit, ein Spion. Ob ihm seine Vorgesetzten das glauben werden, ist fraglich, aber vielleicht tun sie so, als ob es so wäre, wenn er sich mit ihnen gutsteht. Dann bekommt er eine Sonder-zuteilung Wodka, gibt die Hälfte davon ‚nach oben“ weiter und trinkt die andere Hälfte mit seinen Freunden, die vorhin um ihn herumstanden.

 

„Und was bekommen wir?“ „Daran habe ich gar nicht gedacht, Friedrich Fernandowitsch! Sie mögen doch gar keinen Wodka! Ich schenke Ihnen eine Pirogge, und Sie zeichnen mir nochmal so eine schöne deutsche Kaiser­krone.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch meines Vaters, Friedrich Marsch“ „ Die Hexe im Federbett“

 

 

Viel Spass beim Lesen

 

Fritz

 

 

 

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