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Die Pastorenbaracke


Mit der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 mußte auch die bis dahin unbesiegte tapfere Heeresgruppe in Kuriand die Waffen strecken. Die Übernahme in die Ge­fangenschaft ging beiderseits geordnet und ohne nennens­werte Zwischenfälle vonstatten. Der Russe sammelte die Offiziere und Mannschaften in getrennten Lagern. Ein Teil der Stabsoffiziere, der Majore und Obersten, wurde in einer größten Schule bei Mitau zusammengelegt. Hier fanden sich alle Chefs der Sanitätseinheiten, der Lazarette und Sanitätskompanien wieder. Keiner fehlte. Alle hatten versucht, ihre Verwundeten mit dem nötigen Sanitätsper­sonal über die Ostsee nach der fernen Heimat abzutrans­portieren, während sie selbst befehlsgemäß mit dem Rest ihrer Sanitätseinheiten heim Material,. der wertvollen Ein­richtung ihrer Lazarette blieben. Keiner hatte sich der Ge­fangenschaft durch Flucht oder Untertauchen bei ihren Verwundetentransporten entzogen.

Hier waren auch die Feldgeistlicher beider Konfessio­nen zusammengekommen, etwa vierzig an der Zahl.

Nach einigen Wochen, die nach den anstrengenden vor­angegangenen Monaten schwerster Kämpfe fast als Er­holung empfunden wurden, in denen auch die unzurei­chende Ernährung noch nicht so fühlbar wurde, wurden wir alle in großen Transporten in ein Lager in Mord­winien gebracht. Die Republik Mordwinien liegt östlich Moskau, die Bevölkerung, der Über - Rasse angehörend, lebt sehr bescheiden von der Landwirtschaft. Wir hatten kaum Gelegenheit, mit ihr in berührung zu kommen.

Das Lager Potma bestand seit langem, war von Wäl­dern umgeben. Die Unterkünfte, Holzhäuser in bekann­ter Blockhausbauweise, sehr verwanzt. Hier sahen wir zum ersten mal völlig ausgehunge1~te, abgemagerte deut­sche Kriegsgefangene, die sich in diesem Lager „erholen“ sollten. Noch im Sommer wurden die zahlreichen und nicht irgendwie eingesetzten Arzte in kleinen Trupps zu fünf Mann zusammengestellt und abtransportiert, natür­lich mit unbekanntem Ziel. Mit einer solchen Gruppe kam ich nach Tschkalow am plusse Ural und blieb dort als Lagerarzt mehr als zwei Jahre.

Von dort wurde ich plötzlich und unerwartet mit einer kleinen russischen Eskorte nach Nowgorod gebracht und fast ein Jahr später in ein Lager bei BorowitSchi, einem Städtchen am Flusse Msta, östlich des Ihnensees. Hier traf ich viele meiner alten Bekannten aus den ersten Wochen der Griegsgefangenzeit aus der Schule bei Mitau wieder. Es waren dieselben Männer — aber verändert. Mit den anfangs noch guten Uniformen, Außer den Rang­abzeichen und Orden war auch sonst viel äußerliches abgefallen, abgestreift, verblichen. Der nackte Adam kam durch die zerlumpten Reste der Waffenröcke zum Vor­schein. Es gab kein sich verstecken mehr hinter Rang und Stellung.

Die meisten waren, trotz aller äußeren Not, in ihrer Haltung anständig geblieben. Um so mehr fielen die Ver­sager auf, die sich auf alle Berufsgruppen verteilten, seien es Arzte, aktive Offiziere, Reserveoffiziere, die zu Hause in Wirtschaft und Verwaltung hohe Posten bekleidet hat­ten, oder auch die Geistlichen.

untergebracht waren wir in sehr primitiven Erdbun­kern, deren Dächer sich kaum über den gewachsenen Boden heraushoben und die durch Treppen an jedem Ende der Baracke betreten werden konnten.

In einer solchen Unterkunft waren je hundert bis hun­dertfünfzig Mann zusammengepfercht, in einem Raum, der kaum Tageslicht enthielt und fast nur mit Schlafprit­schen ausgefüllt war. Auf ihnen mußten sich alle Insassen, tags sitzend, nachts liegend, aufhalten.

Natürlich konnte man sich auch im Lager, innerhalb der Umzäunung und in gebührender Entfernung von dem innersten Draht, bewegen. Aber im Winter war das immer nur kurze Zeit möglich wegen der äußerst mangelhaften leichten Sommerbekleidung. So viele, sonst geistig rege, jetzt zu körperlicher und geistiger Untätigkeit verurteilte Männer in einem engen Raum monatelang fast im Dun­keln zusammengepfercht — das gibt Zündstoff.

Der mir zugewiesene Erdbunker beherbergte u. a. die vierzig Geistlichen. Außerdem Juristen, Kriegsrichter, Truppenoffiziere und einige Arzte. Von der russischen Lagerführung wurden nur „Lagererhaltende“ Arbeiten verlangt, also Reinigung der Unterkünfte, Wasserversor­gung, Essenholen und ähnliches. Das Waschwasser wurde in Tonnen, an die zwei Holme genagelt waren, von einem Zapfhahn der Küchenbaracke weit hergeholt und in die Unterkünfte getragen, eine mühsame Geschichte. Ich or­ganisierte einen kleinen Schlitten, mit dem wir die Wasserfässer bis zum Bunkereingang schleifen konnten, so daß nur noch das herunter tragen nötig war. Das sorgfältig verteilte und gebrauchte Wasser mußte natürlich auch wie­der heraus geschabt werden, da die Baracken unter der Erde keinen Abfluss hatten. Ebenso wurde das Essen in Fässern herangebracht und verteilt. Blieb nur noch die Reinigung des Raumes, und die Tagesarbeit war erledigt.

Unauffällig und heimlich postierten wir an jedem Ein­gang einen Wachtposten, der bei Annäherung eines rus­sischen Offiziers oder sonstigen Uniformträgers zunächst eine Vorwarnung laut ausrief. Ihr folgte eine zweite War­nung, wenn es sicher war, daß der Besuch unserer Baracke galt, mit Ankündigung des vermuteten Zweckes dieser Inspektion. Der war verschieden, je nachdem, wer kam. Der Offizier vom Dienst, der „Dejurni“, wurde ernst ge­nommen. Alle verbotenen, selbst gefertigten Kartenspiele verschwanden, auch was sonst nicht erlaubt war, wurde schleunigst versteckt.

Wer gelegen hatte, stand auf, Decken wurden glatt-gezogen, Vorträge unterbrochen.

Die Ärztin oder Feldscherin war im allgemeinen ein harmloser Besuch, man brauchte nicht so vorsichtig zu sein. Besucher aus den anderen Baracken verschwanden durch den hinteren Ausgang.

Es wurden oft kleine Vorträge gehalten, die immer in­teressierte Zuhörer fanden. Jeder brachte atws seinem Be­ruf oder Wissensgebiet etwas, was die anderen interessie­ren konnte. Ärztliche Vorträge waren beliebt, auch die Berichte von einem Juristen, der Einzelfälle aus seiner richterlichen Erfahrung brachte, die sich fast wie ein Kriminalroman anhörten.

Unter den Geistlichen befand sich ein Universitäts­professor der Theologie, ein Schulkamerad von mir. Er hielt Vorträge über Philosophie, von den Griechen bis heute. Erstaunlich, daß er das alles mit Zahlenangaben aus dem Gedächtnis bringen konnte. Es war auch für die Zuhörer ein nicht immer einfaches Folgen in diese geisti­gen Höhen.

Die Pfarrer beider Konfessionen hielten auch regel­mäßig Gottesdienste ab, die gut besucht, und deren Pre­digten kritisch besprochen wurden.

Aber man kann nicht den ganzen Tag Vorträge hören und ihnen folgen. Viele spielten Karten, einer modellierte aus Ton, den es im Lager reichlich gab, die Köpfe der Mitgefangenen. Groß war die Freude, wenn mal wieder ein Porträt aus Ton gut gelungen, der Wiedergegebene deutlich zu erkennen war.

Nach einigen Tagen pflegte er sich leider durch Schrump­fung erheblich zu verändern, er wurde „dystrophisch“. Ich schnitzte aus Birkenholz kleine Figuren, die ich zum Teil sogar mit nach Hause bringen konnte und noch be­sitze. Das Schnitzmesser, ein abgebrochenes Taschenmes­ser, mußte bei jeder „‘Warnung“ sorgfältig versteckt wer­den. Um den kleinen Plastiken den rechten Farbton zu ge­ben, hängte ich sie in den Schornstein des Ofens, kurz bevor er täglich für eine halbe Stunde geheizt wurde. Natürlich beeinträchtigte mein Kunstwerk etwas den Zug in dem engen Schornstein, was von den ahnungslosen theologischen Heizern auf das Wetter zurückgeführt wurde. Sie mußten dann vermehrt pusten, was meiner Meinung nach ihren Lungen nur gut tun konnte.

Die so gebräunten Holzfiguren wurden danach mit einer Bürste bearbeitet und mit einer Stearinkerze leicht gewachst. Sie rochen anfangs etwas nach Schinken als Folge des Räucherns, was große Verwunderung hervor­rief. Interessierte durften gerne einmal daran schnuppern.

Wir kamen sogar zu Literatur, und das auf sehr selt­samen Wegen, und noch seltsamer war die Zusammen­stellung dieser geistigen Ware. In Borowitschi befand sich eine Papierfabrik. Dort waren deutsche Kriegsgefangene beschäftigt. Sie erzählten, daß waggonweise deutsches Alt­papier herangebracht und verarbeitet würde. Sie brachten uns auch Proben mit, die eingeschmuggelt wurden. Es waren Bücher, oder Teile von Büchern, Zeitungen, Druck­sachen, die nur aus deutschen Büchereien stammen konn­ten. Allmählich stellten wir das immer sicherer fest an gelegentlich gefundenen Stempeln, z.B. ein Stempel „Werk­bücherei der Spinnerei so und so in Breslau« oder „Stadt­bibliothek in Gera“.

Es kamen auch Zeitungen, aus Wismar, sehr alte Zei­tungen. Ich habe einige gesehen, die aus den Jahren 1870/71 stammten. Kein Zweifel, die Russen hatten deut­sche Bibliotheken, Archive und Zeitungen u. ä. geplündert und nach Borowitschi gebracht als Rohmaterial.

Wir konnten diesen Raub und die Vernichtung von Kul­turwerten nur bedauern. Zum ganz kleinen Teil profitier­ten wir zunächst und zuletzt noch einmal davon.

Trotz aller Ablenkung sank die Stimmung der Kriegsgefangenen oft unter Null. Die völlig unzureichende Ver­pflegung, das enge Beisammensein, die täglichen Schikanen der russischen Lagerverwaltu~~1g und die Hoffnungslosigkeit­ auf Heimkehr in absehbarer Zeit schafften immer mal wieder eine äußerst gereizte Atmosphäre. Es gab Streit um Nichtigkeiten, der zwar immer nur mit Worten, aber sehr heftig ausgetragen wurde.

Ich habe es erlebt, daß ein Oberamtsrichter (im Zivil— beruf) einem Mitgefangenen Major eine Scheibe Brot stahl. Dasselbe tat ein evangelischer Geistlicher. Ich riet den Bestohlenen, ihre Lebensmittel sofort aufzuessen. „Ge­legenheit macht Diebe“, und Hunger läßt auch früher hochgestellte Personen schuldig werden.

Da war es schon besser, nach Ablenkung zu suchen. Wer döst und nur an zu Hause und früheres Wohlleben denkt, wird eher straucheln als einer, der versucht, auch diesen Teil seiner Lebensstraße fröhlich zu ziehen.

Eines Tages stellte ich den Pastoren die Frage, ob Engel männlich oder weiblich seien. Sie wüssten doch im Himmel Bescheid und mich interessiere das aus naturwissenschaftlichen Gründen. »Natürlich weiblich“, meinten die Kasaks (= evangelische Sündenabwehrkanonen). Ich widersprach und zeigte •eine Postkarte vor, die uns von der Boro­witschier Papiermühle gebracht worden war und eine Abbildung von Dürers »musizierendem Engel“ darstellte.

Ohne Frage: ein lauten spielender Mann. »Dann gibt es wohl beide Geschlechter im Himmel.“ — »Das tröstet mich.“

— „Sie kommen da sowieso nicht hin“, meinten die er­bosten Pastoren.

Also fragte ich die Kasaks. »Engel sind sächliche We­sen“, war die Ansicht eines jungen Pfarrers vom Nieder­rhein, außerdem nur „ätherisdt“. — »Der Amor ist aber ohne Frage männlichen Geschlechts, wird immer als Lausbub dargestellt mit einem Flitzbogen. Als Arzt kann ich das besser beurteilen als ein Geistlicher, mit Sicherheit handelt es sich um einen kleinen Mann.“ — „Amor ist ein heidnischer Gott und kein Engel“, meinte der gestrenge und eifrige junge Pfarrer. Mit dem habe er sowieso nichts im Sinn, weil er immer noch viel Unheil anrichte.

Im Allgemeinen waren die katholischen Geistlichen eher zu einem Scherz geneigt als ihr evangelisches Amtsbrüder. Sie trugen das Los der Kriegsgefangenschaft auch gelassener. Sie waren zu mir, dem Andersgläubigen, im­mer freundlich und duldsam. Als ich Monate später ab­transportiert wurde, fand ein katholischer Pfarrer die herzlichsten Abschiedsworte.

„Was ist eine Zage?“ fragte ich meinen Schulfreund, den Theologieprofessor, „kommt im Alten Testament vor und muß ein Musikinstrument sein“. — Er witterte sofort einen faulen Witz, fragte aber doch die Runde der auf ihren Pritschen hockenden oder liegenden Pastoren. »Gibt es nicht, nur Drompeten, Posaunen, Zimbeln, Harfen und Flöten.“ -r „Denk mal nach“, riet ich und wandte mich wieder meiner Schnitzerei zu. Nach drei Tagen erneute Frage. „Habe zwar nicht drüber nachgedacht, wo steht das denn im Alten Testament?“

»Weiß ich auch nicht so genau, aber als die Juden durch das Rote Meer zogen, taten sie das mit Zittern und Zagen. Was eine Zitter ist. ..“

Jetzt mußte ich auch schon fliehen und geworfenen har­ten Gegenständen ausweichen. Aber es haben mal wieder alle gelacht—und das war die Hauptsache. Es gab auch manche ernste Stunde der Besinnung, an die ich gerne zurückdenke. Ein Geistlicher hielt in einem kleinen Kreise Exegesen ab, in denen Kapitel der Bibel besprochen wurden. Wir hatten sogar ein Neues Testament in griechischer Sprache (aus der Papiermühle) und ver­glichen den Urtext mit der Übersetzung Luthers~. Wir hatten Zeit und konnten über Dinge nachdenken, zu denen wir in der Hetze früherer und späterer Tage keine besinnliche Stunde meinten erübrigen zu können. So wurde uns aus der Enge der Pastorenbaracke ein welt­weiter Gedankenflug möglich.

Unsere Gespräche gaben mir und anderen die Kraft, selbst unbehaglichste Widerwärtigkeiten gelassen und ruhig zu überwinden. So hatte auch diese, für uns so schwere Zeit ihr Gutes. Diese Gedanken schwangen noch nach, als ich Monate später in der Zelle eines Leningrader Gefängnisses und in der Dunkelhaft in Riga einem ungewissen Schicksal ent­gegenging.

 

 

 

 

 

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch meines Vaters, Friedrich Marsch“ Erlebnisse eines Arztes in Sowjetrussland“

 

 

Viel Spass beim Lesen

 

Fritz

 

 

 

 

 

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